Die Autorin lehnt entspannt auf einem Geländer und blickt in die Kamera. Oben im Bild ein blaues Banner: Blogparade: Was ich gern früher über mich und das Leben gewusst hätte.

Blogparade: Was ich gern früher über mich und das Leben gewusst hätte

Birgit Ising, ihres Zeiches eine meiner Lieblings-Bloggerfreundinnen, veranstaltet eine sehr verlockende Blogparade, inspiriert von der Reihe „Was ich gern früher gewusst hätte“ in der ZEIT. Jede Woche präsentiert eine prominente Person einige Lebenserkenntnisse. Birgit stellt diese Frage in die Blogosphäre.

Hier liest du, was mir dazu spontan einfällt, was ich über mich und über Menschen gelernt habe, was mich große Mühe gekostet hat anzuerkennen, worüber ich heute lache und was mir das Leben leichter macht. Bestimmt fallen mir in dem Moment, in dem ich den Artikel veröffentlicht habe, noch tausend weitere Sachen ein. Auch eine Erkenntnis, das ist bei mir immer so. Mit diesem Wissen fange ich mal an.

Ich so

Ich bin für viele nicht leicht zu nehmen. Alle meine Bemühungen, mich leichtgängig zu machen, um beliebt zu sein, waren nicht so erfolgreich. Aus gutem Grund, wie ich heute weiß: Ich liebe Menschen und bin doch häufig menschenscheu. Große Gruppen liegen mir nicht, und Small Talk laugt mich unnötig aus.

Ich bin weder Nachteule noch Frühaufsteherin; ich habe nur immer wieder Menschen mit Ausschlaf-Anspruch um mich herum. Ich kann beides und schlafe nur sehr selten richtig lange. Gleich früh am Morgen in mich zu gehen, Sport zu treiben oder anders aktiv zu sein, tut mir richtig gut. Danke, ihr Morgenroutinen-Predigerinnen, ihr habt ja Recht! Und meine Schweinehündin kommt auch gern mit, wenn ich aus dem Haus gehe.

Ich bin nicht ZU anspruchsvoll oder wählerisch; ich setze Standards und Grenzen für Dinge, die ich tue oder mit mir tun lasse sowie für Menschen, mit denen ich Zeit verbringe.

Ich bin nicht überempfindlich; ich bin sehr feinfühlig und empfindsam. Komme ich in einen Raum, spüre ich die Gesamtstimmung und die Stimmung Einzelner. Dazu Geräusche, Gerüche, optische Reize. In der S-Bahn kann es passieren, dass ich mich in zwanzig Minuten dreimal umsetze, weil jemand zu viel Aftershave benutzt oder sehr geschwitzt hat, Mettbrötchen mit Zwiebeln isst, laut spricht, auch per Facetime, weil jemand zu dicht bei mir sitzt oder mit den Fingernägeln klappert …. Das alles fordert mein Nervensystem heraus und will einsortiert werden. Deswegen bin ich keine, die in Gesellschaft auftankt, auch wenn ich es sehr genieße, mit lieben Menschen Zeit zu verbringen. Nach besonders intensiven Zeiten mit anderen brauche ich immer eine Sozialpause, am liebsten am Schreibtisch, lang ausgestreckt mit einem Buch, beim Training oder in der Natur.

Ich bin nicht langsam, auch wenn ich langsam spreche. Meine Gedanken sind sehr schnell. Und viel.

Auf der anderen Seite kann ich eine sehr präsente Rampensau sein, liefere berührende Reden und unterhaltsame Moderationen, bei denen ich die Stimmung auffange, auf Zwischenrufe eingehe, und das teilweise ohne große Vorbereitung. Manche sehen darin einen Widerspruch zu meiner sozialen Vorsicht, ich nicht. Durch meine leicht herausgehobene Rolle bin ich mittendrin und gleichzeitig geschützt.

Silke Geissen hält eine Hochzeitsrede vor Gästen
Mitten in einer Hochzeitsrede

Meine sehr intensive Gefühlswelt ist nicht falsch, wie man mir immer wieder versucht zu vermitteln. Empfindungskurven haben unterschiedlich tiefe Täler und Berge. Meine Kurve war nie flach, und das ist in Ordnung. Das bin ich.

Körper und Bewegung

Ich bin kein Hypochonder, wenn ich Körper, Verstand, Psyche und Seele im Auge behalte und sehe, wo es hakt. Meine Ärzte fragen mich bei Unklarheiten manchmal, welche Diagnose ich dem aktuellen Befinden zuordne; die ist es dann auch meist. Viele Jahrzehnte mit meinem Körper und ein gutes Miteinander, das macht schon was aus.

Ich verarbeite Emotionen über den Körper. Wenn ich nicht auf ihn höre, verschafft er sich Gehör. Nicht immer auf die erfreulichste Weise.

Ich habe ein tolles Ballgefühl mit Bällen, die sich in der Luft bewegen. Am Boden mag ich sie nicht gern. UND ich wusste das mit dem Ballgefühl auch nicht sofort, weil ich meine erste Brille nur im Klassenunterricht getragen habe und erst viel später gemerkt habe, wie wichtig sie beim Sport war.

Ich dachte immer, ich wäre total unsportlich, weil im Turnverein alle Geräte an mir hängenblieben oder ich an ihnen. Nein, ich bin einfach lang, und für eine Person lohnte es sich ja nicht, die Geräte umzustellen. Pech gehabt! Abgesehen davon ist mir Gerätesport vollkommen schnuppe, und mein Ehrgeiz hielt sich vermutlich auch stark in Grenzen.

Eine Schnellläuferin bin ich auch nicht. Das ausdauernde, tief beglückende Laufen habe ich spät entdeckt und konnte, bis mir die Gesundheit den einen oder anderen Streich spielte, überhaupt nicht genug davon bekommen. Mittlerweile habe ich mich mit dem Oma-Image des Nordic Walking gut arrangiert und weiß, dass auch echt sportliches Walking möglich ist und einen veritablen Endorphin-Kick gibt!

Joggende Schweinehündin, KI-generiert mit Canva
(natürlich ist sie mit Canva-KI erstellt)

Selbstbild

Ich hätte gern mit fünfzehn gewusst, wie hübsch ich damals war. Stattdessen war ich zerfressen von Selbstzweifeln, auch weil ich schon immer die Längste war und deswegen meist Männerklamotten tragen musste. Bei einem Schüleraustausch in Frankreich, wo die Jugendlichen NOCH kleiner waren als zuhause, sagte meine Gastmutter immer: „elle marche dans les canivaux“, was bedeutet, dass ich immer in den Rinnen neben dem Bordstein ging, um mich ein paar Zentimeter kleiner zu machen. Es gibt ein Foto von mir von einem Kostümfest dort, für das ich nicht vorbereitet war. Ein Bettlaken, drapiert, mit einer Stoffrose befestigt, Haare hochgesteckt, fertig. Dafür habe ich sogar einen Preis gewonnen. Geglaubt habe ich es dennoch nicht. Wenn ich das Foto heute sehe, kann ich nur staunen. Ich hatte in der Pubertät keine Akne, meine Haare waren toll, ich war ziemlich schlank – und mit meiner Hässliches-Entlein-Brille, die stark durch unliebsame Kommentare von außen eingefärbt war, habe ich das alles nicht wahrgenommen. Zum Glück habe ich spät gelernt, mein Spiegelbild zu mögen und dafür dankbar zu sein.

Mein Leben lang dachte ich, ich sei irgendwie anders. Irgendwie komisch. Kaum machte ich den Mund auf, kam etwas heraus, das angezweifelt und bekrittelt wurde. Erst viel später begriff ich, dass „anders“ nicht das Problem war, sondern genau das, was mich später Coach werden ließ.

Freundschaft, Liebe, Miteinander

Zuneigung oder Liebe ist nur dann richtig, wenn sie mir gilt und nicht die Währung ist für etwas, das ich leiste, gebe, oder verschweige. People Pleasing ist verdammt anstrengend und führt letztendlich auch nicht dazu, dass ich geliebt werde. Dazu brauche ich die richtige Verbindung mit den richtigen Menschen. Ab heute wird sich nicht mehr verbogen!

Schmeichelei ist Schmeichelei. Nicht mehr, schon gar nichts, was auf echte Verbindung hinausläuft.

Wenn ich nicht von innen heraus lächeln oder lachen kann, lasse ich es. Zu viel falsches Lächeln kann unsichtbar und krankmachen.

Es geht nicht ums Rechthaben. Nicht alles lohnt sich bis zum Ende auszudiskutieren. Manchmal ist, was ich in England gelernt habe, „agree to disagree“ viel sinnvoller, Oder das Gespräch nach draußen verlagern, einen Folgetermin vereinbaren, auf jeden Fall die Aufschaukelung entschaukeln. Wie auch immer es für das jeweilige Gespräch passt. Was hab’ ich in meinem Leben fruchtlos diskutiert! Das brauche ich nicht mehr. Ist ja alles Lebenszeit, vergesst das nicht, Kinnings!

Freundschaften sind nicht immer für immer. Meine Eltern sind häufig umgezogen, und ich war auf verschiedenen Schulen. Grundschulfreundschaften lassen sich nicht pflegen, wenn Menschen so weit auseinanderziehen, dass die Kinder sich nicht selbstständig besuchen können. Frank-Dieter, du warst ein toller Freund!

Silke Geissen auf einem Foto mit ihrem Freund Frank-Dieter
Frank-Dieter vorn in der Mitte, ich einen Kopf größer und dahinter

Andere Freundschaften sind inhaltlich für einen Teil unserer Lebensstrecke gut. Das ist alles in Ordnung. Auch wenn es mir schwerfällt, das Ende einer Freundschaft anzuerkennen, schließe ich inzwischen Frieden damit.



Veränderungen und Grenzen

Andere Menschen können wir nicht ändern, nur uns selbst, unsere Sicht auf die anderen und unseren Umgang mit ihnen. Früher dachte ich immer wieder, „wenn ich nur lange/oft/deutlich genug sage/zeige/erinnere, dann wird die andere Persönlichkeit sich schon ändern“. Also sein, wie ich sie haben will. Hat nicht geklappt; das Muster ist schon mal erkannt. Der Be- und Verarbeitungsprozess läuft noch; das Muster hat sich sehr eingebrannt. Noch bin ich dabei, meine klugen Erkenntnisse in mein Handeln zu integrieren.

Ehrlicher mir selbst gegenüber zu sein hieß auch, mir Dinge nicht mehr schönzureden, die mich eigentlich stören. Ein Nein im Kopf, das ich laut als Ja ausspreche, bringt niemandem was. Am wenigsten mir.

Kein Mensch hat das Recht, meinen persönlichen Raum mit schlechter Stimmung und Respektlosigkeit zu verpesten. Es ist mein Raum. Meiner. Und der meiner Familie und meiner Freunde. Ich darf Menschen rein- oder rausbitten. Ich darf sogar ein Hausverbot erteilen, auch wenn das eine wirklich drastische Maßnahme ist. Und gleichzeitig heilsam und reinigend. Ich weiß, wovon ich spreche.

Mit Nazis kann man überhaupt nie diskutieren, mit Leugnern des Klimawandels auch nicht. Da ist, besonders bei ersteren, auch Toleranz oder Totschweigen keine Lösung. Nur Fernhalten.

Was andere von uns denken, entzieht sich komplett unserer Kontrolle. Sinnlos, uns liebenswert im (angenommenen) Sinne des Gegenübers zu machen. Auch wenn das Wort Authentizität ein wenig abgenudelt klingt, so ist es doch das, worauf es ankommt. Sind wir nicht wir, fühlen wir uns innendrin nicht stimmig, und das macht krank.

„You can’t control
the version of you
that lives inside
someone else‘s mind.“

Mel Robbins, Motivations-Coach, Autorin, Podcasterin

Unsere Eltern sind oder waren die besten Eltern, die sie sein konnten. Wir tragen alle unsere Rucksäcke an Erfahrungen, Ängsten, Haltungen, Meinungen, Vorstellungen. Wir sind in unterschiedlichen Zeiten geboren und aufgewachsen. Jede Generation stellt sich das Leben wieder anders vor, hat Zugang zu mehr Informationen und Technologien. Die Forschung taucht ein in unsere Gefühlswelt und ermöglicht uns heute, ganz anders zu reflektieren als unsere Eltern es konnten. Abgesehen davon, dass sie weniger Zeit im Alltag und meist auch weniger Lebenszeit als wir hatten.

Schreiben

Schreiben ist für mich meine innere Verdauung von Vorfällen, Konflikten, dem Leben als solchem.

Ich schreibe, also bin ich.

Wenn ich nicht schreiben kann, geht es mir schlecht. Ich bin gerade unheimlich froh über die Zeit der Blogparaden, weil sie mich aus der Schreibpause herausgeholt haben.

Meine Körperuhr wertet Schreiben als erholsame Zeiten. Damit ist doch alles gesagt.

Zeug

Erinnerungen bleiben auch ohne Dinge. Ich muss nicht das Kleid behalten, das ich bei der Entdeckung des ersten Überlängenladens in meinem Leben 1990 in London gekauft habe, um mich an diesen großartigen Urlaub zu erinnern. Jedenfalls nicht, wenn es mir nicht mehr passt oder gefällt. An meinen wilden und ungewöhnlichen 25. Geburtstag denke ich ohne auch nur ein Geschenk von damals noch zu kennen. Das größte Geschenk waren die Menschen aus verschiedenen Bezügen (alte Freunde, Arbeitskollegen, neue Freunde), die sich kennenlernten, während sie bei der Mitarbeit am Buffet gemeinsam schnippelten, Sekt tranken, plauderten. Und so geht es mit den meisten Sachen. Klamotten, die ich bei einem wichtigen Gespräch getragen habe, die jetzt nicht mehr zu mir passen, Bücher, die ich glaubte, lesen zu müssen, die mich nie packten, Bücher, die ich gelesen habe, die ich mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit nie mehr wieder aufschlagen werde … du weißt, was ich meine.

Von niemandem außer meiner Tochter und einem einzigen Freund bekomme ich gute Beratung beim Klamottenkauf.

Lass’ dir niemals einreden, DIESES DING (was immer es ist) MÜSSTEST du haben. Wenn du nicht selbst den Impuls hast, traue dir selbst.

Das Gegenteil von „gut“ ist nicht „schlecht“, sondern „gut gemeint“.

Leben und Tod gehören untrennbar zusammen.

‚Wird’s besser? Wird’s schlimmer?,
fragt man alljährlich.
Aber seien wir ehrlich,
Leben ist immer lebensgefährlich.‘

Erich Kästner

Übrigens: Ich veranstalte gerade selbst eine Blogparade – „Einen Scheiß muss ich“.
Wenn dich das Thema reizt, lies hier die Einladung und mach gern mit!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen
WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner