Warum ich Schubladen liebe, warum ich Schubladen hasse

Ein Schrank mit vielen unterschiedlichen Schubladen

Zunächst einmal sind Schubladen harmlos, hilfreich und praktisch. Sie können unscheinbar oder auffallend sein, designt, bemalt, groß, klein – eigentlich nichts, was spontan großartige Leidenschaften hervorruft. Trotzdem habe ich mir ein paar Gedanken dazu gemacht:

Warum ich Schubladen liebe

Schubladen sind praktisch und hilfreich.

Schubladen helfen, Ordnung zu schaffen.

Kategorisierungen fallen leicht mit Schubladen.

Schubladen erleichtern meist das Wiederfinden ihres Inhalts.

Das Ganze funktioniert mit Dingen wie mit Menschen. Etwas/jemand kommt neu in mein Leben, sei es ein T-Shirt, eine Packung Legos, oder eben ein neuer Mensch. Ich sehe den Neuzugang an, denke kurz darüber nach, bekomme einen Eindruck und sortiere ihn in die Schublade ein, in die er am wahrscheinlichsten gehört.

Eine sehr unordentliche Schublade mit kaum entwirrbarem Inhalt

Bei Dingen ist es relativ unproblematisch, doch auch diese können sich in einer Schublade drängen, nicht mehr zu ihrer Zuordnung passen. Der Inhalt der Schublade verwühlt sich, und ich komme nicht mehr zurecht. So entstehen die berühmt-berüchtigten „Kruschtelschubladen“. Bei uns zuhause gibt es eine Backzutaten- und eine Kohlenhydrateschublade, da kommt es mit Mehl und Zucker zu Irritationen.

Mit Menschen ist es ähnlich. Eine erste Kategorisierung ist wichtig und ermöglichte es zum Beispiel unseren Vorfahren, einen Säbelzahntiger sofort als lebensbedrohlich einzustufen. Auch ohne Höhlenleben schützt uns eine erste Einstufung häufig vor Gefahr, unsere Intuition ist dabei eine große Hilfe.

Ja, und was soll daran nun spannend sein, fragst du dich vielleicht?

Warum ich Schubladen hasse

Manchmal sind Schubladen auch Gräber für Sachen. Etwas, das ich nicht einschätzen kann, verschwindet darin, zu meiner eigenen Sicherheit und für meine innere Ordnung. Weil ich keinen echten Verwendungszweck dafür habe oder weil es in der falschen Kategorie verharrt, kann es da für Jahre vor sich hin liegen.

Wenn die erste Einschätzung und Einordnung nicht mehr überprüft wird, kann es bei Dingen lästig werden, weil es einfach zu viele sind. Wir kaufen neu, weil wir das vorhandene Teil nicht mehr finden.

Bei Menschen jedoch ist es fatal, wenn jemand beim ersten Eindruck einen Fehler gemacht hat und seine Kategorisierung nicht mehr überprüft. Mir selbst ist es auch schon häufig passiert, dass ich aufgrund meiner Körperlänge als stark, selbstsicher, ruhig eingestuft wurde, auch wenn ich mich zu der Zeit überhaupt nicht so fühlte.

Ein individuelles Beispiel

Vor vielen Jahren hatte ich mich erfolgreich für eine Projektarbeit beworben. Zusammen mit neun Kollegen aus unterschiedlichsten Bereichen sollte es am nächsten Tag losgehen. Genau in der Nacht vor dem ersten Projekttag hat sich mein langjähriger Freund von mir getrennt hat. Ich war am Boden zerstört, total verheult, zu nichts zu gebrauchen. Um mir nichts anmerken zu lassen, überschminkte ich mein Elend, so gut es ging, trat nassforsch und vermeintlich witzig auf – und landete in der Schublade mit den nutzlosen Clowns.

Bald ging es mir besser, ich war über die Trennung irgendwann hinweg und realisierte, dass es mir ohne ihn besser ging als vorher mit ihm. Was sich nicht änderte, war das Verhalten der meisten Kollegen im Projekt. Ich war in meinem Bereich sehr qualifiziert, aber nur zwei der anderen sieben Kollegen gingen auf meine Ideen ein. Wenn ein Kollege, der als sachlich und qualifiziert eingestuft war und damit ernst genommen wurde, genau dasselbe sagte wie ich kurz vorher, jubelten die anderen über die exzellenten Vorschläge.

Zum Glück waren die zwei Kollegen, die immer an mich geglaubt hatten, auch durchgehend auf meiner Seite. Weitere Unterstützung kam durch ein psychologisch angeleitetes Seminar im Projekt. Es ging um Selbst- und Fremdwahrnehmung. Ich fragte, was man tun kann, wenn man in der falschen Schublade gelandet ist. Auf Nachfragen der Anleitenden sagte ich, was passiert war, und ein Gespräch mit denen, die mich in der Kasperschublade eingesperrt hatten, war möglich und veränderte vieles.

Schubladen und Verallgemeinerungen

Als Einzelperson in einer Schublade zu landen ist schlimm genug. Leicht wird der betroffene Mensch – Mitschüler, Arbeitskollege, Nachbar – zum Gegenstand umfassender Mobbingszenarien, und es bedarf professioneller Hilfe, die Situation aufzulösen oder die Betroffenen zurück in die seelische Gesundheit zu begleiten.

Wenn ganzen Personengruppen, Völkern, Anhängern bestimmter Religionen oder Meinungen Attribute zugeschrieben werden und sie in den falschen Schubladen landen, entstehen Vorurteile. Vergleichsweise harmlos sind zum Beispiel die vermeintlich fleißigen Deutschen, die steifen Hamburger, die schnodderigen Berliner.

Gefährlich wird es, wenn zugeschriebene Eigenschaften zu Feindseligkeiten und Hetzjagden führen, wie sie zurzeit auch bei Corona-Maßnahmen-Leugnern, bei Geflüchteten, politisch Andersdenkenden in totalitär geführten Ländern zu beobachten sind. Davon berichten Nachrichten und Geschichtsbücher. Dieses Themas nehme ich mich hier nicht an, ich wollte es nur nicht gänzlich ausklammern.

Wie Schubladen meine Freunde bleiben

Der wichtigste Part bei Schubladen aller Art ist, sie wieder zu öffnen und das, was sich darin befindet, noch einmal anzusehen, darüber nachzudenken.

Die Welt verändert sich, meine Umstände tun es, und – am wichtigsten – ich verändere mich. Ich ändere meinen Geschmack, ich entwickle mich weiter. Vielleicht gebe ich alte Glaubenssätze auf, lerne hinzu. Möglicherweise merke ich, dass ein Mensch, ein Umfeld mir nicht gut tut, aus welchen Gründen auch immer. Oder ich verändere meine Körperform, weil ich viel oder keinen Sport treibe, alles kann passieren.

Dann öffne ich die Schublade, sehe mir das Buch, die Unterhose, das Gesellschaftsspiel, den Menschen an. Ich nehme den Inhalt in die Hand, physisch oder virtuell, prüfe, ob der Gegenstand, der Mensch, an dieser Stelle meines Lebens noch oder jetzt erst recht richtig ist für mich. Oder ich prüfe, ob ich jemandem Unrecht getan habe, ob die vermeintlich oberflächliche Nachbarin nur eine etwas laute Art hat, unter der sie ein ganz wunderbarer Mensch ist, mit dem ich viel gemeinsam habe.

Am besten hilft es, wie ich finde, regelmäßig Inventur zu betreiben, alle äußeren und inneren Schubladen immer wieder zu öffnen, den Inhalt zu schütteln und zu prüfen, ob meine Haltung dazu noch richtig ist, ob mir meine Kategorisierung noch weiterhilft oder ob ich sie überdenken muss.

16 Kommentare

  1. Liebe Silke, als ich den Titel gesehen habe dachte ich sofort, das ist ein klasse Anfang, könnte ich auch mal nutzen 😉 . Du schreibst im Flow und es macht Spaß zu lesen was du schreibst. Ich hatte heute auch Generalisierungen auf dem Plan, mal sehen, was da heute Nacht draus wird. Jedenfalls bin ich der Ansicht, dass viele Menschen sich gar nicht bewusst darüber sind, was ihr Schubladendenken anrichtet. Somit können wir Blogger und Coaches gar nicht genug dagegen arbeiten! Stay connected! Liebe Grüße Eva

  2. Liebe Silke, wie genial! Vom nutzlosen-Nützlichsein von Schubladen in Bezug auf Erfahrungen und Leben. Ich finde es klasse, dass du auch ein persönliches Beispiel einbringst. Liebe Grüße Nicole

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.