Alles gut – oh, wie ich es hasse!

Ihr kennt es sicher auch, dieses alles plattmachende „Alles gut“ – als Frage, Entgegnung oder Zustandsbeschreibung formuliert. Für mich fühlt es sich an wie eine Wand, gegen die ich laufe, eine Wand, die verhindert, Menschen nah zu sein.

„Alles gut“? Was für eine Frage!

Als Frage lässt „Alles gut“ meiner Meinung nach keine echte Entgegnung zu. Erlaubt sind „Ja“ oder ebenfalls „Alles gut“. Die Frage ist nicht von echtem Interesse am Gegenüber gekennzeichnet, die Fragende will nicht wissen, wie es der anderen Person geht. Sie möchte als höflich und interessiert gelten, ohne es auch nur im Ansatz zu sein, und stellt deshalb diese furchtbare Pseudo-Frage. Sie erfüllt scheinbar eine gesellschaftliche Norm, aber ohne Verbindlichkeit. Die Antwortende möchte sich keine Blöße geben. Selbstoptimiert wie sie ist, hat sie alles im Griff, schrieb unter anderem 2012 Susanne Arndt in der Brigitte.

Was sage ich stattdessen? Ich fand in einem SecretWiki-Artikel ein paar Antwortvorschläge: der Autor rät, es mal mit der Antwort „vieles“ oder „nicht alles“ auszuprobieren, vermutet aber, dass das nur zu einer Irritation führt, auf die keine Nachfrage folgt. Es will einfach keiner mehr hören, wie es uns wirklich geht. Jeder ist so voll mit eigenem Streben, Challenges, Karriere, da ist eine echte Gefühlsäußerung nur störend. Gefühle halten auf, sind anstrengend, erschweren das Funktionieren.

„Alles gut“ als Entgegnung, Einwurf oder Statusmeldung

Jemand versteht mich miss, ich versuche zu erklären, die andere schlägt mich mit einem saloppen „Alles gut“ nieder, weil ich nichts mehr sagen soll. Ich empfinde das als grobe Unart. Es verhindert ehrliche Gespräche, offenes Miteinander, stellt alles dar, als gäbe es keine Probleme. Vor allem DARF ich nichts mehr erklären, weil dies ja einer Rechtfertigung gleichkäme, die wiederum auf eine Blöße hinweist, die ich mir nicht geben darf. Ich werde mundtot gemacht. Alles gut.

Manchmal finde ich es wichtig zu sagen, wie es zu etwas kam, will mich erklären oder um Verzeihung bitten. Wenn ich meinen Freunden den weißen Flokati mit einem verschütteten Rotwein versaue, ist gar nichts gut, das ist ganz entschieden Mist! Meist geht es nicht mit Salz raus, der Teppich muss in eine Spezialreinigung, und ich will mich verantwortlich zeigen. Ich will anbieten, die Reinigungskosten zu übernehmen oder meine Haftpflichtversicherung einzuschalten. Ich möchte echt sein, Fehler machen, dazu stehen dürfen.

„Alles gut“, auch wenn du gerade deinen Wagen mit abmontierten Reifen und verkratzt vor der Haustür gefunden hast, aber pünktlich zu einem Termin kommen musst. „Alles gut“, wenn deine Katze dir während deines Urlaubs den ganzen Schlafzimmerboden vollgekotzt hat. Für mich ist das gar nicht gut, ich bin genervt, ich bin wütend, ratlos, in dem Moment überfordert, aber auf keinen Fall ist alles gut!

Mir wird zunehmend schlecht bei dieser verbalen Wegwisch-Kultur. Wenn es meiner Freundin, meiner Kollegin, meiner Tochter, meiner Nachbarin oder einer anderen Person, mit der ich in näherem persönlichem Kontakt stehe, schlecht geht, will ich das wissen. Ich will Anteil daran haben, vielleicht helfen können. Du musst nicht alles mit dir allein abmachen – ich merke doch, wenn du sagst, alles ist gut, und du quetschst es nur mühsam raus, weil dein Partner dich gerade betrogen hat, dein Kind von der Schule geflogen ist, du krank bist oder was auch immer! Ich fühle mich durch so einen Plattmacher entmündigt, beraubt und genervt! Ich will ein Miteinander, keine glatten Oberflächen! Ich will Austausch statt schneller Abfertigung! Es tut mir weh, wenn du mir erzählst, alles sei gut, und ich sehe deine Augen, die weinen wollen, aber den Schmerz zurückhalten, weil er als nicht gesellschaftsfähig gilt oder weil dir gar jemand erzählt hat, du sähest hässlich aus, wenn du weinst. (Anmerkung: das gibt es wirklich, ist mir schon passiert, hat mich lange stark beeinflusst).

Gibt es noch Hoffnung für die Alles gut-Gesellschaft?

Die Entwicklung weg von der Verbindlichkeit, vom echten Miteinander beobachte ich mit Grausen. Ich kann so nicht sein, und ich merke, auch bei meinen Coachees, wie sehr Menschen darunter leiden können. Sich nicht zeigen können, nicht gesehen werden, weil keiner sehen will. Nicht mehr reden mögen, weil jeder nur selbst reden will. Manchmal dachte ich schon daran, mich zurückziehen in eine Eremitage, um diesem Mangel an Verbundenheit nicht mehr ausgeliefert zu sein, und ich habe Ähnliches oft schon gehört. Ich glaube durchaus, dass die gesellschaftliche Entwicklung in Richtung Vereinzelung und Oberflächlichkeit geht, aber ich bin auch überzeugt davon, dass es Gegenströmungen gibt, in denen Werte wie Verbindlichkeit, Verbundenheit und Wahrhaftigkeit zählen. Das klingt vielleicht nach Pathos und guter alter Zeit, das soll es nicht. Tatsache ist, dass Verbundenheit essenziell ist, ohne Verbundenheit wirst du krank an Seele und Körper.

Was kann ich dir empfehlen?

In Zeiten, in denen ich gerade dachte, es geht nicht weiter, habe ich meine Bezugspersonen und -formationen überprüft, mich in andere Kreise begeben, neue Wege betreten, neue Netze geknüpft. Der böse „Alles-gut“-ismus findet sich in Gruppen, in denen ich sowieso nicht richtig zuhause war. Wenn ich etwas suchte und mich in einen Verein, eine Freizeitaktivität mit anderen begeben habe, mit denen ich trotz eines intensiv betriebenen gemeinsamen Hobbys keine echte Verbindung eingehen kann. Ich kann dir nur empfehlen, dort nicht zu bleiben, wenn es dir nicht gut tut. Verbundenheit ist wichtig und hält dich gesund, wie auch die kluge Alexandra Graßler schreibt. Wenn dein Ziel ist, einfach nur Menschen zu finden, mit denen du ein Hobby betreibst, aber sonst keine Verbindung anstrebst, ist es völlig in Ordnung. Nicht überall lauern tiefe Vertrautheit, Freundschaft, Liebe. Nicht überall ist das nötig. Wenn du aber Verbundenheit im gemeinsamen Tun brauchst, suche weiter.

Es kommt natürlich auch auf den Familien- und Beziehungsstatus an. Wenn du als Familienmensch mit großer Familie, guter Beziehung, treuen Freunden und netten Kollegen zwei Stunden in der Woche etwas mit anderen tust und danach wieder in deine verschiedenen Kreise zurückgehst, in denen du geborgen und verbunden bist, ist es eher unproblematisch, wenn die anderen bei den Nordic Walken, im Sprachkurs, im Chor oder in der Zeichenstunde nicht auf deiner Wellenlänge sind.

Anders ist es für die Alleinstehende, die gerade ihr altes Umfeld verlassen hat, weil sie für den neuen Job vor nicht langer Zeit in diese Stadt umgezogen ist, die ihr noch fremd ist, und die Freunde und Geborgenheit sucht. Da kann es hinderlich sein, viel Zeit im Alles gut-Land zu verbringen, wenn dann nicht mehr genug Luft für Situationen ist, in denen sie die Möglichkeit hat, für sie nährende und inspirierende Menschen kennenzulernen.

Alles gut! - oder nicht? Die Autorin schneidet eine süß-säuerliche Grimasse.

Stehe zu dir und höre auf deine Intuition – dazu möchte ich dich auch bei meiner Arbeit ermuntern. Du kannst dir auch direkt bei der Intuitionsförderung helfen lassen. Nur wenn wir sind, wie wir sind, können wir unser Bestes geben. Klar können wir ein Leben leben, in dem ALLES GUT dominiert, aber auf Dauer macht es uns krank, uns ständig lächelnd selbst zu verleugnen und nicht unser wahres Gesicht zu zeigen. Wir verlieren den Halt und kommen ins Schwimmen, und dann ist gar nicht mehr alles gut!

Wie stehst du zu „Alles gut“? Schreib‘ es mir gern als Kommentar.

7 Kommentare

  1. Hallo Silke, es freut mich, dass die Pingback-Funktion unseres Blogs mich auf deinen Beitrag hingewiesen hat.
    Meine häufigste Erfahrung, wenn ich auf „Alles gut?“ mit „Vieles“ antworte ist diese: Verdutztes Schauen beim Gegenüber. Man sieht richtig, wie es beim anderen rattert. Ich habe den Eindruck, dass einigen in diesem Moment klar wird, was sie da überhaupt fragen. Von daher: Lasst uns mutig sein und ehrlich antworten.

  2. Liebe Silke, als ich nach Neuseeland zog hatte ich einige interessante Reaktionen, als ich auf die Frage „How are you“, von der Kassiererin am Band im Supermarkt ehrlich überrascht war, und ihr in Kürze meinen Tag inkl. Handwerkerfiasko und Kopfschmerzen berichtet habe. Sie hat nachher immer panisch geschaut wenn ich kam. Floskeln gibt es überall. Echte Kommunikation macht Spaß, ist aber auch anstrengend. Ich überlege mir also mit wem ich mich austauschen möchte. „Alles gut“ ist in meiner Welt oft auch erstmal der Wunsch mit dem Thema alleine fertig zu werden. Nicht jeder will immer über alles reden. Trotzdem, was für ein spannendes Thema und ausbaubar. Toll geschrieben. Ich kann deine Emotionen richtig fühlen.

    1. Liebe Eva, ich habe mich kaputtgelacht über die Vorstellung der neuseeländischen Kassiererin! Danke auch für den Blick von der anderen Seite und deine Wertschätzung meines Artikels. Ich freue mich auf den weiteren Austausch mit dir.

  3. Liebe Silke, dein Rant trifft den Nagel auf den Kopf. Du hast dieses „Floskel-Problem“ super in Worte gefasst. Wie mir diese leeren Worthülsen auf den Wecker gehen! Und eigentlich hat man doch gar keine Lust, wirklich zu wissen wie es dem anderen geht…und ja, die Geschichte mit dem Teppich ist super. Lass mich Verantwortung tragen! Da geht es ja auch darum, klar sein zu dürfen, von beiden Seiten her. Ich liebe Menschen, die offen für Klarheit sind und, die das was sie sagen, auch wirklich so meinen. Liebe Grüße Nicole

  4. Liebi Silke
    Toller Artikel. Wie du mir aus der Seele sprichst. Schon als Kind habe ich mich total verwirrt gefühlt, wenn jemand „Alles gut“ gesagt hat und ich doch gespürt habe, dass das nicht stimmt. Ich dachte, ich sei nicht richtig. Da bin ich sicher nicht alleine! Schön, dass du das „anprichst“.
    Herzliche Grüessli
    Jeannine

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