Warum ich meine Narben liebe

Die Autorin sieht sich ihre Narben im Spiegel an

Was Bettelarmbänder und Narben gemeinsam haben

Bettelarmbänder

Ihr kennt doch alle diese Bettelarmbänder, bei denen man Perlen und andere Anhänger sammelt. Als ich klein war, brachten mir meine Großeltern (wegen ihres Autoradios von mir Lala-Oma und Lala-Opa getauft) immer kleine Anhänger aus ihren Urlauben mit. Die wurden dann feierlich an einem schlichten Silberarmband mit Ösen befestigt. Kärnten hing da, Südtirol, Ravensburg und viele verheißungsvoll klingende Namen mehr. Ich liebte das sehr.

Das Bettelarmband der Autorin mit Silberfiguren und Glasperlen in Blau-Grün-Tönen

Heute habe ich wieder ein Bettelarmband mit Perlen, die ich mir selbst zu bestimmten Erlebnissen geschenkt habe, aber auch meine Tochter, meine Mutter, Freunde steuern gelegentlich eine Perle bei. Der kleine, sehr realistisch gestaltete Troll (meine Tochter, als sie klein war: „Mama, der hat ja einen Pimmel!“) auf dem facettengeschliffenen Stein zum Beispiel stammt von meinem mittlerweile verstorbenen ältesten Freund Hans.

Narben

Als ich neulich aus der Dusche kam, sah meine Tochter mein rechtes Knie und fragte nach der kleinen kreuzförmigen Narbe schräg darunter. Ich musste kurz nachdenken, bevor ich mich an die Meniskusoperation erinnerte. Beim Rückbildungsyoga hatte ich mich falsch verknotet, musste aus dem Yogazentrum ins Krankenhaus gebracht und dort operiert werden.

Mein Körper ist voll von Narben von früheren Fahrradunfällen, Hüftoperationen, späten heftigen Windpocken, und mir kam der Gedanke an die Bettelarmbänder. Jede Narbe, jeder gebliebene Fleck erzählt eine Geschichte. Auf einen kleinen Teil davon will ich näher eingehen:

Der Unfall

Bei der Inspektion meines Gesichts fiel mir vor ein paar Tagen mal wieder meine Stirn auf, die in der Mitte nach nicht sehr gelungener Botoxbehandlung aussieht. In Wahrheit ist sie eines von vielen Überbleibseln eines Unfalls, bei dem ich als Fußgängerin einem plötzlich und schnell rückwärts fahrenden SUV klar unterlegen war.

Die Stirn war voller Splitt, die Nase, eine Rippe und mein rechtes Sprunggelenk gebrochen, mein ganzer Körper verquetscht und verschliffen. Ich verbrachte am kältesten Januarvormittag 2014 eine gefühlte Ewigkeit auf der Straße liegend. Über mir war dieser Kreis von Gesichtern, den man sonst nur aus subjektiven Kameraaufnahmen in Filmen kennt. Nach einer gefühlten Ewigkeit fuhr mich ein Rettungswagen ins Krankenhaus, wo ich zusammengeflickt wurde. Nach zehn Tagen kam ich wieder nach Hause. Zum Glück war meine Mutter abkömmlich und konnte bei mir und meiner damals noch sehr kleinen Tochter bleiben. Ich brauchte Monate, um wieder ein bisschen mobiler zu werden.

Dass mit meinem rechten Auge etwas nicht in Ordnung war, bemerkte ich erst zuhause. Ich konnte nicht mehr fokussieren; der hintere Scheinwerfer des SUV hatte mich am Kopf erwischt und war dabei zerbrochen, und ich bin frontal aufs Gesicht gefallen. Das wurde dann ambulant erfolgreich behandelt, wie meine anderen Blessuren auch.

Die neue Freiheit – Easy Rider oder The Straight Story?

Die genähte Stirn sah lange lädiert aus, ich hatte über drei Monate ein ziemliches Horn und wollte mich schon bei Star Trek zum Casting als Klingonin anmelden. Deswegen trug ich lange Zeit Mützen oder Kopftücher.

Ich war unbeschreiblich deprimiert, weil ich ein Jahr vorher schon eine größere Operation mit längerer Rehabilitationszeit hatte, und ich hatte gerade meine Ausbildung zum Coach begonnen. Nun musste ich die schon wieder unterbrechen, und die selbstbestimmte Fortbewegung – extrem wichtig für mich, ich bin ein absolutes Bewegungstier – war kaum möglich. Meine Mutter schlug vor, einen Rollstuhl auszuleihen. Das funktionierte nicht so gut, und wir mieteten einen Elektroscooter, der mir ungeahnte Freiheit verlieh.

Beim Fahren kam ich mir, auch wenn ich mit dem Tuch ein bisschen wie eine Harleyfahrerin aussah, gelegentlich vor wie der Hauptdarsteller des Films „The Straight Story„, der mit einem umgebauten Rasenmäher in sehr gemächlichem Tempo einige amerikanische Bundesstaaten durchquert hat. Bei mir waren es Fahrten durch einige Hamburger Stadtteile, zu Ärzten, zur Physiotherapie und ungezählte Kilometer „Wanderungen“ mit meiner Mutter an der Elbe. Wir hatten das Glück, dass sich um uns herum der Frühling entfaltete, und so langsam wurden auch meine Gedanken und meine Gefühle wieder bunter. Meine Mutter kochte ein Lieblingsessen nach dem anderen, das war wunderbar. Wir wussten, nach meiner Wiederauferstehung würde ich das Zuviel an Polstern wieder wegbewegen.

Kurz nachdem ich wieder zuhause war, rief ich eine Freundin an, die mich schon jahrelang in einen Chor locken wollte, und sagte ihr, es sei nun so weit, ich bräuchte jedes noch so kleine Endorphin, das ich produzieren könne, und so begann meine Sängerinnenkarriere. Für meine Tochter, die nicht gern allein blieb, entwarf ich einen Notfallplan mit Nachbarn und ihrem Vater, der in meinen Chorzeiten telefonisch erreichbar sein musste. Erst sang ich im Popchor, bald noch zusätzlich in einem klassischen Chor, und irgendwann übernahm ich im Popchor auch die Moderation der Abende. Freundliche Nachbarn empfahlen mir einen Traumaspezialisten, der mich dabei unterstützte, emotional wieder auf die Beine zu kommen und – vor allem – ohne Todesangst wieder Straßen zu überqueren.

Was ich von und mit meinen Narben lerne

Wenn ich an die verschiedenen Ereignisse denke, die mir Narben, Keramik oder Metall am oder im Körper zurückließen, kommen im Nachhinein überwiegend wunderbare Erinnerungen hoch, und was in der jeweiligen Lebensphase belastend, langwierig, schmerzhaft war, ist in den Hintergrund getreten.

Ich hatte drei Hüftoperationen. Bei der ersten bekam ich, obwohl ich in Hamburg wohne und für die Operatin und die anschließende Reha an der Ostsee war, sehr viel Besuch und jeden Tag Karten, Briefe, Päckchen von Menschen, die es gut mit mir meinten. Ich verliebte mich in die Vegetation der Lübecker Bucht und genoss – allein oder mit Besuch – die Natur dort ganz außerordentlich. Bei meinem zweiten Aufenthalt erbot sich eine Bekannte aus einer Online-Community, mir Obst oder Lektüre zu bringen und Gesellschaft zu leisten, und wir freundeten uns an. Während meines dritten Gastspiels in derselben Klinik hatte sie zufällig ihren Jahresurlaub, ihr Sohn war bei seinem Vater, und wir trafen uns sehr häufig. Ich konnte fröhlich genesen, wir spazierten auf der Strandpromenade, plauderten, lachten, gingen sogar gegen Ende meiner Rehamaßnahme schwimmen, und wir sind bis heute befreundet. Zwischendrin waren auch meine Mutter und meine Tochter zu Besuch und blieben für eine Weile, so dass ich fast Urlaubsgefühle bekam.

Aus allen Rückschlägen habe ich etwas gelernt, von allen profitiert, und immer gab es etwas zu lachen. Mein Hausarzt sagte einmal zu mir, er bewundere meine Phönix- oder auch Stehaufmännchen-Mentalität. Andere wären unter Umständen an nur einem Teil dessen, was mir widerfahren sei, zerbrochen, während ich lächelnd vor ihm stand, ohne zu lamentieren.

In dem Moment realisierte ich, dass ich tief in mir das Bild eines gesunden Menschen trage, der ich bin. 

Äußere Vorfälle beeinträchtigen mich natürlich und werfen mich vorübergehend teilweise oder komplett um, aber offenbar bin ich so fest von meiner körperlichen und seelischen Unversehrtheit überzeugt, dass die sich auch immer wieder einstellt.

So habe ich, als ich nach dem Unfall wieder mobil war, meine Coaching-Ausbildung beendet, und was ich durch zwei Unterbrechungen erst als Nachteil empfand, stellte sich später als Vorteil heraus: Statt mit meiner festen Gruppe in einem glatten Lauf durch alle Module zu gehen, sprang ich in verschiedene andere Gruppen hinein und bekam dadurch einen ganz anderen, flexiblen, Zugang zu den anderen werdenden Coaches, den Dozenten und dem Gelernten.

Diese Offenheit und meinen unverbrüchlichen Glauben an die Machbarkeit von momentan unmöglich Scheinendem habe ich so stark verinnerlicht, dass ich nach körperlichen oder seelischen Verletzungen relativ bald das Gute im Schlechten sehe und mich neuen Wegen öffne, in meinem Privatleben wie in meiner Arbeit als Coach.

Mit meiner Tochter arbeite ich immer an verschiedenen kreativen Projekten, die sich in ständiger Veränderung befinden, und geht ein Versuch schief, gehen wir es anders an. Genauso gestalte ich mit meinen Coachees neue Ideen und Wege, so lange bis es passt und sich richtig anfühlt.

7 Kommentare

  1. Nun habe ich mir Zeit genommen, Deine Zeilen zu lesen und sie gehen unter die Haut. Sie berühren mich. Das ist entscheidend wichtig heute mehr denn je, dass wir einander wirklich erreichen, indem wir einander berühren und dann gemeinsame Wege ausloten und gehen, ein Stück des Weges mit Begleitung und dann wieder „alleine“. Das Geben und Nehmen in natürlichem Fluss, so wie unser Leben, dem wir uns vertrauensvoll hingeben es uns anbietet, jeden Tag neu. DANKE Dir für die wunderbaren Impulse. Herzliche Grüße von Dorothée

  2. Liebe Silke, viel Wahres hast Du geschrieben. Einen Teil von mir finde ich in Deinen Zeilen wieder. Ich freue mich darauf mehr von Dir zu lesen. LG Heike

  3. Liebe Silke,

    ein wirklich offener und berührender Post. Obwohl ich ja vieles virtuell begleiten durfte, ist es so kompromiert und journalistisch aufbereitet, doch noch mal ganz anders zu lesen. Ich bewundere den Phönix in Dir.
    Freue mich auf mehr.

    Liebe Grüße

    Ines

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