Hast du auch deine Lieblinge aus Kleiderschrank und Schuhregal, die du trägst und trägst, auch wenn die Zeit, in der sie in Mode waren, längst vorbei ist? Ein Paar Stiefel mit breiter eckiger Spitze und sehr klotzigem Absatz begleitete mich über Jahrzehnte; ich habe sie geliebt! Aus schwarzem weichem Leder, cool und eckig, passten sie einfach zu allem. Ich pflegte sie mit großer Hingabe, ließ abwechselnd Sohle und Absatz mit neuen Sohlen versehen, kaufte Einlagen, weil sie allmählich weiter wurden. Irgendwann brach das Gewölbe, und ich ließ es verstärken und mit Schrauben instandsetzen. Eine weitere Restauration war nicht mehr möglich, und ich verabschiedete mich tieftraurig von der Idee, sie noch tragen zu können. Diese Stiefel sind für mich ikonische Teile gewesen, ein Symbol für meinen eigenen Stil.
Mit einem Kleider- und Schuhsortiment ausschließlich heiß geliebter Teile bräuchten wir nur einzukaufen, wenn etwas ersetzt werden muss. Solche Kleidungsstücke sind wahre Schätze und der perfekte Ausdruck von Körperliebe und Individualität statt Modediktat.
Kleidung als zweite Haut – wenn Stoffe uns umarmen
Ohne Kleidung lebt es sich schlecht in unseren Breiten, und so stürzen wir uns ins Modegetümmel. Kleidung schützt uns primär vor Witterung und irritierten Blicken. Kleidung soll unseren Typ unterstreichen und uns nicht einengen. Idealerweise bietet sie uns Bewegungsfreiheit für den Körper, den wir von Natur aus genau jetzt haben. Das Wort „kaschieren“ kommt bei mir nicht mehr vor. Alles, was uns das Gefühl gibt, falsch zu sein, hat in unseren Köpfen, Kleiderschränken, Kommoden und Schuhregalen nichts zu suchen. Kleidung darf uns zum Strahlen bringen und betonen, was wir betonen wollen. So können wir uns so individuell fühlen, wie wir sind.
Dafür ist es wichtig, uns genau anzusehen. Der Blick in den Spiegel will geübt sein, bis wir gern mit ihm arbeiten. Ein Kleidungsstück kann wie eine Umarmung sein, und ich bin immer glücklich, wenn ich solche besonderen Teile finde. Ideal, wenn ich nicht auf bestimmte Anlässe oder eine einzige Kombinationsmöglichkeit festgelegt bin. Ein Kleid, das sich um meinen Körper schmiegt und das ich lässig, elegant, tages- und abendtauglich, ernst und heiter stylen kann. Oder der Cashmerepulli, der mich im Laden magisch anzog und den ich mir später noch in einer zweiten Farbe gekauft habe; das sind Highlights meines Kleiderschranks, auf die ich mich jedes Mal freue, wenn ihre Saison beginnt. Solche Klamotten sind pure Körperliebe: sie machen den Unterschied zwischen „etwas anhaben“ und „ich selbst sein“.
Was unsere Kleidungsfreiheit einschränken kann
1. Dienstkleidung macht gleich – Körperliebe macht einzigartig
In vielen Berufen ist Dienstkleidung Pflicht. In Restaurants, Krankenhäusern etc. ist es wichtig, dass die Mitarbeiter als solche zu erkennen sind. Bei IKEA siehst du von weitem schon die gelben Hemden derer, die du um Hilfe fragen kannst. Und diese Kleidungsstücke müssen getragen werden, ob sie den Mitarbeitenden gefallen oder nicht. Ich habe diese Erfahrung auch gemacht. Dienstkleidung ist wichtig, um Gästen, Kundinnen, Patientinnen zu signalisieren, wen sie ansprechen können. Sie macht alle, die sie tragen, gleich. Sie macht aber auch mit uns etwas. Wir passen uns in einen Arbeitskontext ein; das ist dann unvermeidlich. Umso schöner ist es, wenn wir in unserer Freiheit wieder tragen können, was wir wollen.
Nachdem ich im letzten Jahr auf Amrum ausschließlich Dienstkleidung tragen musste und in meiner Freizeit wenig Gelegenheit hatte, mich stylisch zu kleiden, genieße ich es mehr als je zuvor, in Hamburg die totale Freiheit in Bezug auf meine textilen Ausdrucksmöglichkeiten zu haben.
2. Farbberatung – die Dogmen von Frühling, Sommer & Co.
Die richtigen Farben zu finden ist mehr eine Frage des persönlichen Geschmacks als einer Einteilung in Jahreszeitentypen. Farbberatung ist von der Idee her nicht schlecht, wird nur zu häufig dogmatisch genutzt. Vor allem der Typ „Frühling“ wird nach meiner Beobachtung überstrapaziert. Ist bei einer Freundin der Frühling einmal diagnostiziert, sehe ich sie fortan nur noch in beige, apricot und seltsam undeutlichen Farben, die sie leicht müde aussehen lassen. Dabei ist es so einfach: Halte dir ein Teil, das dir gefällt, ans Gesicht, guck dir an, ob du lebendig damit aussiehst, fertig!
Die Haut hat individuell unterschiedliche warme oder kalte Untertöne, entsprechend kannst du warme oder kalte Farben tragen. Grob kannst du das mit Gold- oder Silberfolie testen. Gold = warm, Silber = kalt. Und ein „ich kann kein Orange tragen“ ist nicht das Dogma, von dem wir vielleicht glauben, dass es das sein könnte. Es gibt unendlich viele Orange-Töne, Gelborange und sehr rotes Mandarinorange, das dir auch stehen kann, wenn du einen kalten Hauttyp hast. Probiere es aus! Glaube nicht an Dogmen! Halte es dir an, probiere es an, mache Ganzkörper-Selfies und freue dich an deiner tollen Ausstrahlung!
Wenn wir uns zu eng an Farbpaletten oder andere Kategorisierungen von außen orientieren, verpassen wir vielleicht eine Menge Spaß. Körperliebe bedeutet, Farben zu wählen, die uns Energie geben, egal ob sie uns per Farbanalyse zugeordnet sind oder nicht.
Nachhaltig lieben: Lieblingsstücke pflegen und neu kombinieren
Dein Kleiderschrank, deine Geschichte. Hier hängen Zeugen unterschiedlichster Lebensphasen und -situationen. Teile, die wir lieben, geben wir nicht so einfach weg. Müssen wir ja auch nicht. Wir können sie ändern lassen, enger, weiter, kürzer nähen lassen. Und wir können sie jederzeit neu kombinieren, ich nenne das Einkaufen im Kleiderschrank. Nimm dir mal, wenn du eine halbe Stunde oder mehr erübrigen kannst, und guck, wie du die Lieblingsbluse, die karierte Hose, den engen Rock, neu kombinieren kannst. Spiele mit Farbfamilien, Mustern, Strukturen, Stilen. Lasse dich überraschen, was du aus alten Bekannten durch neue Kombinationsmöglichkeiten machen kannst.
Mein Körper, mein Stil
Schenke deinem Kleiderschrank und dir ein schönes Leben, indem du immer wieder neue Kombinationen findest und Unkombinierbares aussortierst. Achte darauf, dass deine aktuellen Kleider deinen aktuellen Körper unterstützen. Lasse keine Klamotten mit längst vergangenen Größen hängen (=Hoffnungskleider). Wenn eine realistische Chance besteht, dass dir die Größe bald wieder passt, hänge sie vielleicht in den Keller oder widme ein Segment des Kleiderschranks der Hoffnung. Vergib am besten Lagerfristen und sortiere spätestens dann aus. Das mag schade sein, aber willst du immer daran erinnert werden, dass du mal eine andere Figur hattest? Gönne dir lieber etwas, was jetzt zu dir passt, ein schönes neues Stück Körperliebe!
Ich sag’s ja nur.
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Dieser Artikel ist im Rahmen der Blogdekade August 2025 in TheContentSociety entstanden. Zehn Artikel in zehn Tagen, hier liest du die Nummer 7. Bis zum 30. August findest du hier täglich einen weiteren Körperliebe-Artikel. Freu dich drauf, und hinterlasse mir gern einen Kommentar.



Liebe Silke,
was Dir die Stiefel…waren mir meine Birkenstocksandalen. Die nun gehen muszten, weil ich neuerdings mit den Zehen an den Rand anstosze und meine Versuche, die Sohlen durch Neue, eine Nr. gröszere ersetzen zu lassen, waren leider erfolglos (ja, ich weisz, dasz die Firma selbst sowas macht, aber deren heutige Sohlen tun meinen Füszen nicht mehr so gut wie diese Alten). Ansonsten geht es bei mir im Schrank sehr bunt zu und ich hab auch vieles lange Zeit und teils abgeändert. Neu zu kombinieren ist mir auch meine Freude!
Keine Ahnung, welcher Farbtyp ich bin: bei mir findet sich so ziemlich jede Farbe, auszer Beige. Darin seh ich aus wie Käsematz mit Spucke. Sommers, wenn ich bräuner bin, steht mir anderes als im Winter und so hat jede Farbe ihre Zeit. Ich erfreue mich beim Öffnen des Schrankes selbst immer wieder über die vielen Farbnuancen.
Nur das mit den Hoffnungsteilen – seufz!
Kleidung ist nicht Mode, sondern individueller Ausdruck.
Liebe Grüsze
Mascha
Liebe Mascha,
oh ja, die Birkenstock-Sohlen sind so besonders hart geworden, finde ich.
Wie schön, dass du auch eine Schrank-Shopperin bist; manchmal überrasche ich mich auch selbst mit neuen Kombinationen. Hahaha, Käsematz mit Spucke, ich weiß, wovon du schreibst. Ich hatte mal zwei vom Schnitt her identische T-Shirts anprobiert. Im pflaumenfarbenen strahlten meine Augen, in oliv sah ich aus wie drei Tage Magen-Darm.
Hoffnungsteile habe ich auch.
Individueller Ausdruck ist etwas Wunderbares. Im Dialog mit den Klamotten sein finde ich so wichtig.
Liebe Grüße
Silke