Gestapelte Steine am Meer. Auf einem länglichen Stein balancieren ein kleiner und ein größerer Stein im Gleichgewicht – Symbolbild für Körperliebe in jede Richtung. Oben im Bild ein blaues Banner mit weißer Schrift: Darf’s auch etwas weniger sein? – Körperliebe ist für uns alle da

Darf’s auch etwas weniger sein? Körperliebe ist für uns alle da

Wir alle kennen die Frage an der Frischetheke „Darf’s auch etwas mehr sein?“ Hast du jemals gehört, dass die freundliche Person dahinter fragte: „Darf’s auch etwas weniger sein?“. Eher nicht, oder? Das fiel mir, in etwas anderem Kontext, gestern stark auf. Ich saß in einer Runde, in der alle Teilnehmenden sich, mithilfe bestimmter Fragetechniken, jeweils mit einer persönlichen Frage beschäftigten. Anschließend präsentierten alle kurz ihre Erkenntnisse und Einsichten. Eine Frau berichtete, wie schwer es ihr fällt, sich selbst anzusehen. Nicht, weil sie sich zu viel findet. Sondern zu wenig. Sie hatte dabei Tränen in den Augen und wand sich bei dem Gedanken, sich nackt zu sehen oder gar zu fotografieren.

Ich war tief berührt und dachte: Moment mal, an dich habe ich beim Schreiben bisher nicht so intensiv gedacht. Und das, obwohl ich selbst meine untergewichtigen Phasen hatte, mit dünnen Ärmchen und Beinen, zwischen denen man durchgucken konnte.

Ich schreibe mit großer Leidenschaft und Überzeugung zum Thema Körperliebe. Über Selfies, die uns helfen können, unseren Körper anzunehmen und uns mit ihm anzufreunden. Über Bauch, Röllchen und Oberschenkel, die sich berühren dürfen. Und ohne es zu merken, habe ich dabei überwiegend eine Richtung im Kopf gehabt: Darf’s etwas mehr sein? Ja, es darf.

Und was ist mit denen, bei denen es eher weniger ist? Das darf genauso. Darum geht es hier.

Warum „zu dünn“ keine Lobby hat

Wenn wir über Körperbilder sprechen, geht es fast immer um ein Zuviel. Das hat gute Gründe: Menschen mit etwas mehr Gewicht erleben jeden Tag Abwertung, und die Body-Positivity-Bewegung ist genau aus diesem Kampf entstanden. Das ist richtig und wichtig, und daran will ich nichts kleinreden.

Nur rutscht uns dabei die andere Seite aus dem Blick. Sehr dünne Menschen hören Sätze, die wir sofort als übergriffig identifizieren würden, wenn sie in die andere Richtung gingen:

  • „Sag mal, isst du genug?“
  • „Du bist ja nur Haut und Knochen.“
  • „Du hast es gut, du kannst essen, was du willst.“
  • „Boah, deinen Stoffwechsel möchte ich haben.“
  • „Sei doch froh, andere würden sich das wünschen.“
  • …

Genau da liegt der Haken. Dünnsein wird in unserer Gesellschaft zum Ideal verklärt. Wer dünn ist, hat es doch geschafft, oder? Also wird das Leiden daran oft nicht ernst genommen. Wer sich beklagt, gilt schnell als undankbar oder kokett.

Und oft steckt hinter dem lockeren Spruch auch ein bisschen (viel) Neid. Der macht die Sache für die dünnen Menschen nicht leichter. Neid macht sie einsamer. Er grenzt sie aus und stempelt den Versuch, über das Dünnsein zu reden, als Klagen auf hohem Niveau oder sogar als Angeben, ab.

Die Gründe gehen niemanden etwas an

Dass ein Körper sehr schlank ist, kann viele Ursachen haben. Veranlagung. Eine Krankheit. Medikamente. Stress, Trauer, Trennung, eine schwere Lebensphase. Manchmal auch eine Essstörung.

Und jetzt kommt der Punkt, der mir am wichtigsten ist: Wir wissen es nicht. Wir sehen einen Körper, nicht die Geschichte dahinter.

Deshalb gilt für mich eine einfache Regel, egal in welche Richtung: Fremde Körper kommentieren wir nicht. Niemals. Unter keinen Umständen, außer wenn wir explizit gefragt werden. Kein „Du hast aber zugenommen“ und auch kein „Du bist ja dünn geworden“. Selbst wenn es als Kompliment gemeint ist. Denn wir können nie sicher sein, was wir damit bei unserem Gegenüber anstoßen, welche Glaubenssätze wir schmerzhaft aktivieren.

Körperliebe kennt keine Richtung

Wenn ich mir meine Körperliebe-Artikel ansehe, ging es bei Körperliebe nie um „mehr“ oder „weniger“. Es geht darum, wie wir mit dem Körper umgehen, den wir haben. Heute. Nicht mit dem, den wir mal hatten oder gern hätten. Dass die Wahrnehmung entstehen kann, es ginge um mehr, liegt an dem Körper, den ich gerade habe, und der ist eher etwas mehr als etwas weniger.

Silke Geissen steht lachend im eigenen Garten im Frühling, in langer schwarzer Strickjacke, geblümtem Rock und dunkelblauen Gummistiefeln, neben einem von Steinen umrandeten Teich.
Hier bin ich auf dem Weg zurück aus einer meiner dünnen Phasen. Aufgepäppelt mit viel Olivenöl und Sahne im Essen.

Unsere Körper tragen uns durchs Leben. Sie bringen uns durch gute und durch harte Zeiten. Sie verdienen Freundlichkeit, Liebe, Wertschätzung, Zärtlichkeit, ganz unabhängig von der Zahl auf der Waage. Und sie verdienen, angesehen zu werden!

Gerade in der Lebensmitte merken wir ja: Körper verändern sich. Bei manchen kommt etwas dazu, bei anderen geht etwas weg. Krankheit, Wechseljahre, Kummer, all das hinterlässt Spuren. Wenn Körperliebe nur für eine Richtung gilt, schließt sie viele von uns aus und lässt sie mit den Zweifeln am eigenen Körper allein.

Selfies mit Fingerspitzengefühl

In meinen bisherigen Artikeln lade ich gern dazu ein, aufmerksam in den Spiegel zu gucken und Selfies zu machen, um dich mit deinem Körper anzufreunden. Dazu stehe ich weiterhin. Das Treffen gestern hat mir gezeigt, für manche ist der direkte Blick auf den ganzen Körper erst einmal zu viel.

Das ist okay. Du darfst dich in kleinen Schritten nähern:

  • Fang mit einem Detail an, das du magst. Deine Hände, deine Augen, dein Lachen.
  • Fotografiere deinen Körper in Bewegung, beim Spazierengehen, Tanzen, beim Arbeiten im Garten. Dann geht es darum, was er kann, nicht wie er aussieht.
  • Such dir eine Situation und Kleidung aus, in der du dich wohlfühlst. Ein Lieblingspulli, ein Lieblingsort, gutes Licht.
  • Und wenn eine Übung dir nicht guttut, lass sie weg. Das ist kein Scheitern. Das ist Selbstfürsorge.
  • Du kannst dich langsam herantasten und dich liebevoll mit deinem Körper versöhnen.

Körperliebe muss nicht mit einem Ganzkörperfoto vor dem Spiegel beginnen. Manchmal beginnt sie mit einem freundlichen Blick ins eigene Gesicht.

Was ich mitnehme

Ich bin dankbar für diese neue Perspektive aus dem Treffen. Ich lerne, dass auch ich mit meinem Thema einen blinden Fleck hatte. Und dass Körperliebe erst dann wirklich Körperliebe ist, wenn sie für alle Körper gilt.

Also: Darf’s auch etwas weniger sein? Ja. Es darf. Genauso wie es etwas mehr sein darf. Hauptsache, du gehst freundlich mit dir um. Wie, dabei unterstütze ich dich gern. Ohne krampfhafte Positivität zu verbreiten, kann ich dir spiegeln, wie du mit deinem Körper sprichst und wie du vielleicht heilsamer mit dir umgehen kannst.

Wie ist das bei dir? Kennst du die Sprüche von der „anderen Seite“? Oder hast du selbst schon mal jemanden für seine Schlankheit beneidet und erst später gemerkt, was dahinter stand? Schreib es mir gern in die Kommentare.

Wenn du merkst, dass Essen oder dein Körperbild dich sehr belasten: Tatsächlich gibt es bei uns keine eigene Anlaufstelle speziell für Untergewicht. Auch bei den Hilfsangeboten fehlt also die Lobby. Trotzdem musst du da nicht allein durch. Lass körperliche Ursachen zuerst bei deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt abklären. Unter Umständen kann auch die Ernährungsmedizin helfen. Und wenn du dich erst einmal informireen willst, erreichst du das Beratungstelefon zu Essstörungen des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit unter 0221 892031, vertraulich und auf Wunsch anonym.

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