Singen – mein liebstes Hobby neben dem Coaching

Singen ist nicht nur für Vögel schön

Eigentlich wollte ich keinen weiteren persönlichen Artikel schreiben, wie es der Wochenvorschlag von Judith in der Content Society vorsieht, weil meine Website ein paar Expertenartikel möchte, an denen ich noch feile. Aber als ich mich heute im Bad für den Tag bereit machte, fiel mir auf, dass Singen enorm viel mit Resilienz zu tun hat und mir in mindestens einer Situation meine seelische Verfassung gerettet hat. Deswegen gibt es nun doch kurzentschlossen einen Artikel.

Singen – mehr als nur ein Hobby

Wann ich anfing zu singen

Singen und Tanzen erfreuen ein kleines Mädchen

Schon als ganz kleines Mädchen liebte ich Musik über alles, sang, tanzte, hing am Radio. In meiner Familie waren auch wirklich alle musikalisch. Die Eltern meiner Mutter sangen in einem Chor, der andere Opa spielte so wundervoll auf dem Klavier, dass ich schon früh Konzertpianistin werden wollte.

In Ermangelung eines Klaviers sang und sang ich, und in der Schule sang ich meinen Klassenkameraden die neusten Schlager vor, die ich auswendig gelernt hatte. Später begleitete ich mich auf der Gitarre und träumte davon, eine neue Joan Baez zu werden, so sehr steckte ich voller Protest, den ich hinaussang. Außerdem kannte ich so ziemlich alle Beatles-Songs. Neben dem Gesang in allen Stimmen beherrschte ich auch so ziemlich jedes Instrument. Besonders gut war ich als Gitarre bei „While your guitar gently weeps“.

Später war ich im Schulchor sehr glücklich, und irgendwann grätschte mir das Leben dazwischen. Ich sang nur noch für mich, bis ich durch einen sehr hässlichen Unfall sehr unglücklich war und dringend Gesang brauchte.

Ich will nie mehr aufhören zu singen!

Als ich anfing, zu den Chorproben zu gehen, musste ich mir noch sehr viel helfen lassen. Ich war auf Gehstützen angewiesen und schaffte nur wenige Schritte zu Fuß. Unter anderem durch die Musik heilte ich. Es gab mir unbeschreiblich viel, mit anderen zusammen an den Musikstücken zu arbeiten und am Entstehen des Klangs beteiligt zu sein. Schon bei der ersten Probe war mir klar, dass ich mich jetzt durch nichts mehr vom Singen abbringen lasse.

Der Chor, in dem ich sang, hatte ein recht durchwachsenes Niveau, aber ein wirklich wunderbar abwechslungsreiches Repertoire, und ich ging völlig im Singen auf. Zwischen den Proben pflasterte ich meine Wände mit Noten, so dass ich bei der Küchenarbeit üben konnte. Ich hatte als Chorsängerin Entwicklungspotenziel und nutzte es begeistert.

Da geht doch noch mehr!

Im Sommer desselben Jahres lud mich eine Bekannte zum Abschiedskonzert eines sehr renommierten klassischen Chors im Nachbarstadtteil ein, und ich war gefangen im Klang! Der Popchor war eine Sache, der klassische Chor so groß und so allumfassend – davon wollte ich unbedingt ein Teil sein! Direkt nach dem Konzert erkundigte ich mich bei zwei Sängerinnen, die ich kannte. Beide empfahlen mir, mich beim Kammerchor Wedel zu melden, was ich tat. Zuhause schrieb ich sofort eine Mail an den Vorstand und wurde postwendend eingeladen, mich an die freundlichen Kontaktpersonen zu wenden.

Gleich in der nächsten Woche wurde ich herzlich willkommen geheißen zu einer für mich völlig neuen Art von Probe. Der Chorleiter, bis zu seiner Pensionierung erster Cellist der Hamburger Symphoniker, hochmusikalisch, akribisch, dabei aber so liebenswert. Die anderen Chormitglieder, neugierig, überwiegend offen und erfreut über potenziellen Zuwachs, und geübt wurde das Requiem von Mozart. Ausgerechnet an meinem ersten Tag war ein koloraturenreiches Stück in den Noten dran, und ich stellte es mir insgesamt sehr schwierig vor.

Es zeigte sich, auch das ließ sich lernen. In diesem Chor haben wir eine tolle Stimmbildungslehrerin, von der ich Dinge lernte, die ich für selbstverständlich gehalten hatte: Atmen zum Beispiel. Richtiges Atmen. Den langen Atem, den ich für die Koloraturen und mehr noch für einen gleichmäßigen, lange gehaltenen Ton brauche. Wo ich vorher meinen Bauch aus Gewohnheit einzog (Glaubenssatz-Alarm „Ich bin zu dick“), war es jetzt wichtig, ihn zu nutzen, um in seine unergründlichen Tiefen hineinzuatmen.

Ich lernte, in meinem Körper eine Treppe für den Atem zu bauen, damit er hier, dort und auf einer nächsten Stufe Halt fand, damit auf den Stufen die Töne stark und gestützt waren. Außer meinem Bauch lernte ich meinen ganzen Körper einzusetzen, meine Haltung, meinen Mundraum, meinen ganzen Kopf. Den Gaumen kann man hoch und breit formen, die Töne vorn und hinten singen, sie modulieren durch entsprechendes Formen der Lippen. Es beglückte mich immer mehr, was ich alles über mich lernte und wie ich meine Ausdrucksmöglichkeiten erweiterte.

Singen heilt und macht Krisen erträglicher

Mein Atem und meine Stimme halfen mir dabei, in mein Zentrum zu kommen, in mir selbst zuhause zu sein. Ich wurde immer mutiger und sang mich peu à peu gesund und glücklich. Meine Stimme klang und vibrierte in mir, und ich schmetterte, jubilierte, drohte, flüsterte gesanglich, dass es eine wahre Freude war. Durch das Singen wuchs meine Selbstsicherheit, und die Angst – nach dem Unfall und vor vielem – nahm ab.

Wer singt, kann nicht gleichzeitig Angst haben. Intuitiv haben wir das wahrscheinlich alle schon erfahren. Ich erinnere mich beim Schreiben, dass ich bei einer Reise mit dem Schulchor mit meiner besten Freundin bei einer Waldwanderung nach hinten gefallen war. Wir hatten uns verquatscht und darüber den Anschluss verloren. Während wir durch den nordhessischen Wald liefen und versuchten, die anderen wieder zu erreichen, wurde es immer dunkler, und wir gruselten uns sehr. Jedes Rascheln verhieß ein Wildschwein oder andere gefährliche Wesen. Wir fingen an zu singen, erfanden ein Lied mit immer skurriler werdendem Text, sangen laut gegen die Angst, und schließlich hatten wir die anderen auch eingeholt.

Musik hilft mir immer. Bei Liebeskummer oder Weltschmerz höre ich besonders gern extrem Melancholisches – eine Zeitlang liebte ich den Fado, die herrlich traurige Musik Portugals, die gleichzeitig so kraftvoll und schön ist. Was mir beim Musikmachen immer passiert: ich tanze. Und ja, ich kann sogar ein Requiem tanzen, weil ich mit dem ganzen Körper den Rhythmus aufnehme und wieder abgebe – bei Konzerten halte ich mich mit der äußeren Bewegung ein bisschen zurück!

Meine Bloggerfreundin Hilkea schreibt in einem ihrer neusten Artikel vom Tanzen und den Parallelen zum Singen; sie erwähnt zum Beispiel, dass – wie beim Tanzen – auch beim Singen das Verhältnis der Partner untereinander bestimmt, wie gut das Gesamtergebnis ist. Das ist auch ein entscheidender Faktor beim heilenden Effekt des Singens – wir begeben uns in eine Gemeinschaft und sind zusammen stark. Auch das ist ein Schritt zum Gesundwerden und -bleiben. Kurzum: Singen fördert Resilienz, die Fähigkeit, schlechte Zeiten durchzuhalten und dabei gesund zu bleiben.

Mittlerweile habe ich den Popchor verlassen, der mein erster Zugang zum erwachsenen Chorsingen war, und ich freue mich darauf, im Kammerchor wieder aktiv sein zu können, sobald Chorproben wieder möglich sind. Wir liegen seit März 2020 brach, und auch wenn ich zuhause manchmal Stücke zu den Übungs-CDs singe oder Songs zusammen mit Freunden aufnehme, ist doch nichts so schön wie lebendige Probenerlebnisse mit echten Menschen.

6 Kommentare

  1. Liebe Silke, zum Glück hast Du Dich doch noch entschlossen, diesen schönen Artikel über Dein Hobby zu schreiben. Er ist deswegen so toll, weil er nicht nur ein Hobby beschreibt, sondern Deinen Weg zum Singen, auch in die erkämpfte Gesundung. Ich würde mich freuen, Dich einmal live zu hören. Mitsingen darf ich leider nicht, der Wille ist da, das Können aber nicht😜. Lieben Gruß, Susanne

    1. Liebe Susanne, du hast mich zum Schreiben angestiftet, das konnte ich doch nicht auf mir sitzen lassen. Ich sage Bescheid, wenn Konzerte wieder möglich sind, und ich kenne eigentlich niemanden, der wirklich nicht singen kann😉. Liebe Grüße

  2. Liebe Silke, „Wer singt, kann nicht gleichzeitig angst haben“. Wie wahr, da hast du recht. Dein Artikel gibt mir noch einmal eine ganz neu Sichtweise auf das Thema Singen. Das ist vor allem deshalb für mich interessant, weil ich schwerpunktmäßig ein visueller Mensch bin und so gar nichts mit Stimme und Gesang am Hut habe. Aber ich liebe Musik in Dauerschleifen zu hören und das sehr laut. Liebe Grüße Nicole

  3. Oh, wie habe ich als Konzertsängerin, Gesangspädagogin und Chorleiterin Deinen Artikel verschlungen. Was für eine Liebeshymne auf das Singen, danke von Herzen dafür ❤️! Ich wünsche Dir, dass Du bald wieder mit Deinem Kammerchor proben und aufführen kannst und ich freue mich, dass ich mit Dir nun eine weitere Gemeinsamkeit teilen darf…!

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