Das Bild zeigt ein Familienfoto von 1972, auf dem der Vater der Autorin mit Geschenken der Kinder spielt. In einem bunten Hemd, mit einer konzentrierten Schnute. Auf der Seite des Fotoalbums liegt auf einem Zellophantütchen mit goldenen Sternen eine Nussecke mit dunkler Schokolade, selbstgebacken. Nach Meinung der Autorin zeigt sich hier der Geist der wahren Weihnacht.

Midlife Memorys Vol. 2: Der wahre Geist von Weihnachten

Nur noch wenige Tage bis Heiligabend. Hast du schon alle Geschenke? Für die Kinder, für die Familie, deinen Partner, deine Lebensgefährtin, deine Nachbarn, deine Lieblingskollegin? Macht es dir Freude zu schenken? Ich mag gern kleine und auch große Geschenke, wenn sie mit Bedacht ausgesucht sind und von Herzen kommen. Aber das wirklich Wichtige sind nicht die materiellen Gaben. Der wahre Geist von Weihnachten ist viel einfacher zu finden: er steckt in der guten Zeit, die wir miteinander verbringen.

Ich erinnere mich an die frühen Weihnachtsfeste in meiner Familie. Es wird viel Musik gemacht, ich spiele immer ein Instrument, mit dem ich unser Weihnachtssingen begleite: Blockflöte, Gitarre, Klavier. Wir singen alle gern und schön!

Und Gedichte mögen wir, da muss ich erst ein wenig suchen, denn ich will keins von guten oder schlechten, von braven und bösen Kindern. Die gibt es für mich nicht. Ich liebe schon immer klingende Wörter in schöner Folge. Das Christkind-Gedicht lerne ich so früh, dass ich noch nicht „taten“ sagen kann (zum Entzücken der Erwachsenen und bis heute erwähnt). Bei den ersten Versuchen sage ich „die kleinen Händchen ta’n ihm weh“.

Auf weihnachtlich-verschneitem Hintergrund mit Tannen und Sternen sthe das Gedicht "Denkt euch, ich habe das Christkind gesehen"
Fast vergessen: Das Gedicht ist von Anna Ritter (1865-1921)

Auf dem Titelbild und unter diesem Absatz siehst du meinen Vater in dem Hemd, das ich an ihm so gern mag. Ich habe es ihm ausgesucht, und er liebt es sehr. Es ist 1972, mein Bruder ist sieben, ich bin elf Jahre alt. Neben meinem Vater sitzt meine Tante. Beide spielen mit konzentrierter Schnute wahrscheinlich mit dem neuen LEGO, das mein Bruder und ich bekommen haben. Ich liebe dieses Bild, denn es zeigt genau, was für mich Weihnachten ausmacht. Wir haben damals nicht so viel Geld, aber es gibt immer schöne Geschenke. Und alle spielen damit.

Der Vater der Autorin spielt mit den Geschenken der Kinder. Das Bild ist die verkleinerte Version des Titelbilds
Dieses versunkene Spielen ist das Schönste

Welches Essen auf dem Tisch steht, weiß ich gar nicht mehr genau. Etwas Leckeres, frisch Gekochtes. Und am 1. Weihnachtstag gibt es bei Oma die weltbesten Klöße. Die aus rohen Kartoffeln haben eine interessante Form und man kann sie auseinanderreißen, so dass sie viel von der köstlichen Sauce aufnehmen. Wir nennen sie Rattenschwänzchen. Als wir Kinder größer sind, haben wir einige Jahre lang Fondue. Heute wäre das vermutlich Raclette, wie überall. Für uns Kinder ist das unwichtig. Wir haben alle frei, sind zusammen, tun gemeinsam schöne Dinge. Am Heiligabend sind alle meine Großeltern da, es ist kuschelig warm, alle haben sich lieb, so nehme ich es wahr.

Ungefähr so, wenn es auch etwas gestellt ist.

Holen wir uns Weihnachten zurück

Wenn ich so darüber nachdenke, ist es der Wille, schöne Tage zu erleben, der Weihnachten seinen eigenen Zauber verleiht. Der Schmuck, der Glanz, die würzigen Düfte. Wir können dafür sorgen, dass es schön wird. Ein neues Spiel kaufen, Vorbereitungen auf mehrere Schultern verteilen, Geschenkeregelungen vereinbaren. Das Verspielte, Entspannte, Gemeinsame in den Vordergrund stellen.

Was auch hilft: Große Aussprachen auf ein anderes Mal verschieben, ein bisschen darüber nachdenken, was wir sagen. Meine liebe Bloggerkollegin Heike Brandl schreibt in einem wunderbaren Artikel über zehn Sätze, die wir Weihnachten besser nicht sagen. Ich erinnere mich mit Grausen an Sätze wie „wohin willst du denn noch wachsen?“ als ich bereits extrem unter meinem frühen und ausgeprägten Längenwachstum leide. Weihnachten steht ein großes Sammelsurium an Fettnäpfchen bereit, und nicht jede Frage muss gestellt, nicht jede Meinung muss unter die Leute gebracht werden, insbesondere nicht ungefragt. (Das sehe ich allerdings auch außerhalb von Weihnachten so). Da hilft es sich VORHER zu fragen, ob wir selbst eine Frage oder Meinung zu einem unserer Schwach- oder Schmerzpunkte hören wollen.

Dann lieber der Katze einen schicken Hut basteln

Wir können auch Menschen nach Hause einladen, die sonst unfreiwillig allein wären. Als meine Tochter noch klein ist, lade ich einen Freund ihres Vaters ein. Er freut sich so sehr, bei uns zu sein und den ganzen Abend mit Anne LEGO zu spielen, dass er beim Abschied scherzhaft androht, am nächsten Morgen gleich wieder auf der Matte zu stehen, um weiterzuspielen.

Familienweihnachten im Wandel

Als junge Erwachsene bin ich nicht mehr bei meinen Eltern. Die Großeltern sind bis auf eine Oma gestorben, und sie ist zu Weihnachten bei meinem Onkel im Süden Deutschlands. Der Wunsch und der Vorsatz, es gemeinsam schön zu haben, lassen sich nicht in jeder Konstellation realisieren. Friede, Freude, Eierkuchen um jeden Preis funktionieren auch an Weihnachten nicht. Es lohnt sich, es zu versuchen, doch wenn es gar nicht passt, ergibt es Sinn, Weihnachten anders anzugehen.

Für mich kommt der weihnachtliche Zauber mit meiner Tochter zurück. Anfangs verbringen wir den Heiligabend mit ihrem Vater und dessen Eltern. Nach und trotz unserer sehr frühen Trennung gestalten ihr Vater, unsere Tochter und ich den Heiligabend noch recht lange friedlich und gemeinsam, mit Raclette und Spielen. Bis seine Freundin das nicht mehr will. Seitdem feiern wir zu zweit, und meine Tochter ist schon im sehr jungen Alter eine hingebungsvolle Weihnachtsbäckerin.

Auf dem Hocker in der Weihnachtsbäckerei

Nachdem meine Mutter (was sie nach dem Tod meines Vaters jahrelang tut) nicht mehr mit der Familie meines Bruders über Weihnachten auf die Kanaren fliegt, sind wir meist mit ihr zusammen. Einige Jahre bei uns zuhause, weil ich bis zur Pandemie Heiligabend im Chor in der Kirche singe. Dann feiern wir bei Muttern, einmal auf Teneriffa, und letztes Jahr in dem Krankenhaus, in dem sie liegt. Dieses Jahr habe ich so viel Zeit bei meiner Mutter verbracht, dass ich einfach zuhause sein will. Da fügt es sich sehr gut, dass ihr Bruder und seine Frau bei ihr sein werden. Das war allen drei Beteiligten krankheitsbedingt lange nicht mehr möglich. Ich freue mich sehr, denn die drei sehen sich selten Und wir haben den allerschönsten Weihnachtsschmuck, den möchte ich wieder bewundern! Anne schenkt und gestaltet mir immer wieder Kugeln, die brauchen dringend Luft!

Eine kleine Auswahl

Wie es aussieht, genießen wir mehr als wir fotografieren, jedenfalls finde ich nur dieses unscharfe Foto von einem unserer Bäume:

Schlecht zu erkennen, aber sehr hübsch.

Kann es auch schön sein, wenn wir Weihnachten allein sind?

Wenn wir Weihnachten allein sind, wissen wir das meist lange vorher. In meinem Leben gibt es viele Weihnachtsfeste ohne Anschluss an die Ursprungsfamilie. Mal bin ich bei Eltern von Freunden, mal allein. Als ich während meines Studiums in der Gastronomie jobbe, liebe ich die Weihnachtsdienste. Der Tresenmensch des Abends und ich beschließen schon Wochen vorher ein Menü und wer die Komponenten dazu vorbereitet. Dann treffen wir uns im Restaurant, kochen und essen genüsslich. Die meisten Gäste kommen erst nach den Bescherungen bei ihren Familien, zeigen fröhlich und aufgekratzt ihre Geschenke und sind guter Stimmung. Sehr gemütlich.

Wenn ich ganz allein bin, koche ich mir mal etwas Einfaches, manchmal auch ein Menü nur für mich. Natürlich am schön gedeckten Tisch. Später in meinem Leben gehe ich gern in die Christmette, am späten Abend, durch die nebligen Straßen in die festlich erleuchtete Kirche, um dort aus vollem Herzen dankbar zu singen. Irgendwo finde ich immer ein Stück Weihnachtszauber. Ich glaube fast, ich trage den Funken in mir.

Eine längere, ungemein reflektierte und in Selbstliebe übende Betrachtung zur Single-Weihnacht und der Suche nach eigenen Traditionen findest du hier im wunderbaren Weihnachten-allein-Artikel meiner Bloggerfreundin Djuke Nickelsen. Sehr zu empfehlen!

Ich beschäftige mich gelegentlich mit dem Gedanken, was sein wird, falls meine Tochter eines Tages Weihnachten andere Pläne haben könnte als mit mir zusammen zu sein. Was mir spontan einfällt, ist z.B. für Bedürftige zu kochen, in Krankenhäusern oder Seniorenheimen vorzulesen oder meine Gitarre zu reaktivieren und mit den Patienten oder Bewohnern zu singen. Älteren Menschen schöne Momente zu schenken, das kann ein gemeinsamer Kirchgang am Heiligabend sein oder ein Kaffeestündchen an einem Weihnachtstag. Ich bin sicher, es gibt 1001 Möglichkeiten, sich zu engagieren und damit den anderen und sich selbst ein wunderbares Weihnachtsgeschenk zu machen.

In diesem Sinne wünsche ich dir eine wunderbare, zauberhafte, lichtvolle Weihnachtszeit!

Wie es zu diesem Artikel kommt

Die wunderbare Susanne Heinen lädt mich ein, einen Artikel für ihren Blog-Adventskalender zu schreiben, dazu sage ich gern JA. Alles, was Susanne in die Welt bringt, ist magisch, ich liebe ihre Kunst, die so glitzernd und bunt wie berührend und tiefgründig ist. In den Eisvogel, hinter dem sich mein Artikel versteckt, verliebe ich mich schon bei ihrer großen Farbkreisreise durchs Jahr und suche ihn mir deswegen als Türchenbild aus.

Ein Eisvogel, umgeben von Sternenglanz, ist der Titel des 13. Türchens vom Blog-Adventskalender von Susanne Heinen
Dieser schöne Eisvogel ziert das 13. Türchen in Susannes Kalender

So bekommt auch meine angefangene Reihe „Midlife Memorys“ endlich einen zweiten Artikel.

Danke, liebe Susanne, für die schöne Einladung!

Und du? Wie machst du dir dein Weihnachten schön? Schreibe es mir gern in die Kommentare!

7 Kommentare zu „Midlife Memorys Vol. 2: Der wahre Geist von Weihnachten“

  1. Liebe Silke,

    da hast du ja eine bewegte Weihnachtstradition – so viele verschiedene Orte, so viele verschiedene Konstellationen!

    Ich habe letztes Jahr mein Weihnachten aus dem über 40-jährigen Familienkorsett befreit, um rauszufinden: was will ICH eigentlich an Weihnachten? Was macht MIR Heiligabend und an den Folgetagen Freude? Was will ich tun, mit wem möchte ich gern zusammen sein?

    Das vergangene Weihnachten war dann ganz bewusst allein. Ohne Baum, ohne Deko, ohne Plätzchen. Ich wollte rausfinden, was (oder wen) ich vermisse. Ich war gespannt, wie sich das Weihnachts-Vakuum füllt.

    Danke für deinen Blick auf Weihnachten!

    1. Liebe Djuke,

      danke für deinen schönen Kommentar. Und für deinen wunderbaren Artikel, den ich jetzt sofort noch in meinen Weihnachtsartikel einbinden werde, für weitere Anregungen für Singles und Traditonsschaffende.

      Ganz liebe Grüße
      Silke

  2. Liebe Silke,

    ich fühle mich direkt in meine Kindheit zurück versetzt, wenn ich Deine Fotos anschaue. Bei uns Zuhause in Berlin war Weihnachten aus Harmoniesucht-, Geschrei-, und Eckkneipengründen nicht immer so harmonisch, aber den Geist der Weihnacht trage ich dennoch im Herzen. Ich hatte so viel Gebrüll und Eingeschnapptsein an Weihnachten. Das reicht für mehrere Leben. Und was soll ich sagen? So waren sie nun mal, unsere Leute. Wir machen es heute anders. Wir haben liebe Weihnachten mit ausgesuchten Menschen.

    Herzlichen Dank für diesen wunderschönen Artikel. Ganz besonders finde ich auch die Passage mit dem Alleinsein!

    Alles Feine
    Birgit

    1. Liebe Birgit,

      ach, so hatte ich mir das vorgestellt, wie schön! Danke so sehr für deinen liebevollen Kommentar. Ja, einiges hatte ich auch für mehrere Leben, kannste wohl sagen. Manchmal ist allein auch richtig schön. Letztes Jahr war ich Silvester auch allein. Mit Kerzen und Orakelkarten und meiner inneren Rückschau aufs Jahr. Das geht glamourös! Und für Weihnachten planen wir auch Einfaches und Feines. Liebe Weihnachten mit ausgesuchten Menschen ist das Schönste, genießen wir es!

      Das Allerliebste für dich,
      Silke

  3. Liebe Silke,

    wie schön, mit Dir durch Deine Weihnachtserinnerungen zu reisen und Du hast Dir den Zauber wirklich bewahrt, das spürt man in jeder Zeile. Ich bin jetzt richtig neugierig auf alles, was dieses Jahr Weihnachten auf Dich wartet. Vielleicht schreibst Du das noch weiter, wie es so wird, mit dem tollen Weihnachtsschmuck, dem Baum, ob Du singst und alles :-). Ich danke Dir für diesen wunderbaren Beitrag zum Adventskalender und wünsche Dir ganz frohe Weihnachten.

    Liebe Grüße, Susanne

    P.S.: Für Lego ist man ja nie zu alt und ich habe mir vor einigen Jahren den Weihnachtzug geholt :-). Mal sehen, wer sich opfert, um den endlich mit mir zusammenzubauen :-).

    1. Liebe Susanne,
      es freut mich, dass dir der Artikel gefällt, und ich bin zutiefst beglückt über deine Einladung und die Bühne, die du mir für meine Weihnachtserinnerungen bietest. Vielen lieben Dank! Der Baum sollte lange da sein, muss aber regen- und krankheitsbedingt noch warten, aber er kommt.
      LEGO geht wirklich immer. Während meines Aufenthalts in Stuttgart anlässlich des TCS-Treffens habe ich im LEGO-Laden mit einer Verkäuferin ein kleines Blumengesteck für Anne gebastelt, und sie hatte große Freude an meiner Begeisterung und holte immer mehr Kleinteile aus irgendwelchen Ecken, so entzückend!

      Bei dir wird es bestimmt glitzerbunt und voller Licht, und ich wünsche dir alles Schöne.

      Liebste Grüße
      Silke

  4. „Denkt euch, ich habe das Christkind gesehen!
    Es kam aus dem Walde, das Mützchen voll Schnee,
    Mit rot gefrorenem Näschen.
    Die kleinen Hände taten ihm weh.“
    -> Dank meiner Zivilcourage wurde das kleine Kind von seinen grausamen Eltern gerettet und ist jetzt in der Obhut einer liebevollen Pflegefamilie, wo es keine Kinderarbeit mehr leisten und schwere Säcke schleppen muss. Die Eltern wurden angezeigt und müssen sich im Januar vor Gericht verantworten.

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