Eine ungewöhnlich geformte Porzellandose mit floralem Muster. Hell- und Dunkelgelb sind die domierenden Farben. Der Deckel ist naturfarben und orange. Die Dose steht auf einem gehäkelten Spitzendeckchen auf einem kleinen Tisch. Die Beschriftung: Midlife Memorys Vol. 1

Midlife Memorys Vol.1: Das Essen meiner Großmutter

Vielleicht ist dieser Artikel der Beginn einer lockeren Reihe, das kann ich noch nicht sagen. Lust hätte ich schon. Kleine gemütliche Sonntagsgeschichten finde ich fein. In der Mitte des Lebens ist so vieles schon passiert und auch sehr viel Schönes noch nicht. Erinnerungen erden ganz wunderbar, sie halten uns am Boden.

Meine Erinnerungen sind ein Teil von mir und tragen dazu bei, dass sich meine Identität so geformt hat, dass ich die bin, die du kennst. In meinem Leben ist vieles passiert, und so manches Schätzchen lohnt sich zutage zu fördern und zu dokumentieren. Schon beim Schreiben macht es ein warmes und heimeliges Gefühl, und diese kleine Geschichte möchte ich gern mit dir teilen.

Die Einladung zum Schreiben

Gerade lese ich das Buch
LEBEN
SCHREIBEN
ATMEN
von Doris Dörrie. Es ist eine Einladung zum Schreiben. Neulich im Status von Birgit Ising gesehen, von einer persönlichen Empfehlung gefolgt, ist es nun bei mir. Als Fan aller Filme, die ich von Doris Dörrie kenne, wusste ich, es ist ein gutes Buch. Und ja, es lädt mich ein zu schreiben. Hier ist der Teil der Einladung, der ich folgte:

Schreib über das Essen in deiner Kindheit. Was hast du gern gegessen? Was nicht? Was war dein Lieblingsessen? Wer saß mit am Tisch? Wie sah die Küche aus? Wer hat gekocht?“

Doris Dörrie in „Leben Schreiben Atmen“

Die Geschichte

Spontan schrieb ich los, und das ist ein kleiner Teil dessen, was dabei herauskam:

Ich habe furchtbar gern Nudeln mit Birnenkompott und Weißbrot-Croûtons gegessen. Nur damals hießen sie noch nicht Croûtons. Da war es einfach trocken gewordenes Kastenweizenbrot, in der Pfanne als Würfel in Butter gebraten. Ich schmecke heute noch dieses buttrig-knusprige Geschmacksexplosion im Mundraum. Auf den Spiralnudeln mit dem mild-süßen Birnenkompott, von meiner Oma selbst eingemacht. Das Essen gab es in Omas Küche. Am einfachen Tisch mit der Wachstuchdecke. In der Ecke, an der Fensterwand, eine kleine Kommode, etwas abgegriffen, sauber, glänzend, mit geriffelten Griffen. Obendrauf ein Deckchen und ein Stapel Siedler-Zeitschriften (Blättchen des Lohfeldener Siedlerbundes).

Ich saß an der Längsseite des Tischs, im Blick den Tisch und das Essen. Hinter mir das Fenster, gegenüber an der Wand die schöne Anrichte. Auch diese alt, sauber, glänzend, aus nachgedunkeltem Holz. Hinter einem der Fensterchen im oberen Teil das alte Geschirr. Hellblaue Tassen wie flache Schalen, innen weiß. Die habe ich geliebt. In der Aussparung der Anrichte, natürlich auch auf einem Deckchen, eine seltsam geformte Porzellandose. Ganz helles Gelb, mit bräunlichen Ornamenten. Der Grundriss eine Mischung aus rechteckig, oval und irgendwie verschnörkelt. Floral. Der Deckel mi teinem Knauf in Orangebraun, könnte eine Knospe sein. In der Dose waren Zettelchen. Bons und Einkaufszettel und das Portemonnaie meiner Oma.

Die seltsam geformte Dose vom Titelbild, von oben fotografiert, um die Form zu veranschaulichen, die ist wie ein verzerrtes, abgerundetes Rechteck.
So ist der „Grundriss“ der Dose

In der Küche stand auch der alte Eisenherd mit Feuer, da konnte Oma die Plattengröße variieren mit den Ringen, die sie mit einem starken Metallhaken herausnahm oder einsetzte. So gemütlich mit dem knackenden Feuer darin. Ich erinnere mich an den roten Schein der tanzenden Flammen um die Ofenklappe herum, oder wenn mal eine Flamme aus der offenen Oberfläche hochloderte.

Neben dem Herd die Tür zum Bad und zum Schlafzimmer, daneben die Spüle. Darin oder daneben stand meist ein Eimer. Meine Oma wusch viel Gemüse und sparte jeden Tropfen Wasser. Nach dem Salat- und Gemüsewaschen war das Wasser noch gut genug zur weiteren Verwendung: Wenn der Eimer voll war, wurde er neben die Toilette gestellt. Das Wasser sparte mindestens einmal Spülen. Oma trug immer einen Kittel über ihrer Kleidung. Immer. Die Kleidung darunter nahm ich manchmal gar nicht wahr, weil ich die Kittel so interessant fand und in Träumen über weiße, rosa- und orangefarbene Blüten, grüne Blätter und bunte Vögel verlorenging. Wo wuchsen solche Blumen? Waren sie mal Knospen? Und die Vögel? Wie sahen die Eier aus, wie die Küken? Ich glaube, ich habe diese Träume nie zu Ende geträumt und kann dir deswegen auch kein Ergebnis präsentieren.

Die Auflösung

Erinnerungen können Dinge und Menschen verzaubern. Zufällig habe ich gerade im Moment Zugriff auf die Dose, weil sie jetzt im Haus meiner Mutter steht. Sie ist wesentlich weniger schnörkelig und auch viel kleiner, als ich sie in Erinnerung hatte. Aber logisch, ich war ja auch viel kleiner damals, als ich noch Spiralnudeln mit Birnenkompott und Weißbrotwürfeln in Omas Küche aß. Die Dose siehst du im Titelbild, das Essen probiere ich demnächst einmal aus. Die Kittel meiner Oma sind bestimmt nicht halb so mystisch wie ich sie in Erinnerung habe. Aber das macht nichts. Ich mag sie so, wie ich sie abgespeichert habe.

Hast du auch solche fernen Erinnerungen, die Geschichten in dir erschaffen und sich endlos weiter spinnen lassen? Lasse mir gern einen Kommentar da und erzähle mir davon.

7 Kommentare zu „Midlife Memorys Vol.1: Das Essen meiner Großmutter“

  1. Liebe Silke

    Danke für den Buchtipp, den ich gleich auf meine Wunschliste gesetzt habe. Noch viel mehr wünsche ich mir, dass Du diese wunderbare Reihe hier fortsetzt. Ich sass sofort mit an Deinem Tisch und es fühlte sich so wohlig, heimelig und geborgen an. Du hast wunderbar die Details eingefangen, die das Essen zu einem besonderen Schatz machten und dadurch es dadurch heute noch nährt. Ich freue mich auf die Fortsetzungen und Deine Nachkochaktionen. Das wird lecker.

    Liebe Grüsse aus der Schweiz
    Christine

  2. Liebe Silke, ich bin noch etwas entfernt von Midlife, aber gestern habe ich in der Küche beim Kochen eine Kindheitsgeschichte von unserem Keller und den ausgewachsenen Kartoffeln, vor denen ich Angst hatte, ausgegraben.
    Es ist spannend, wie direkt wieder Sinneseindrücke da sind und wie sie durch kleine Erlebnisse heute „getriggert“ werden (die Kartoffeln gestern hatten schon viele Auswüchse).
    Ich mag solche Geschichten. Ich glaube, sie schaffen Verbindung.
    Viele liebe Grüße, Generose

    1. Liebe Generose,
      ja, genauso, wie du es beschreibst, empfinde ich es auch. Solche Geschichten schaffen Verbindung, weil sie mit so vielen Sinneseindrücken arbeiten.
      Ich liebe es auch, wenn ich mich am Tisch einer Bloggerin wiederfinde, nur dadurch, dass sie ihn und das, was draufsteht, die Menschen, die drumherum sitzen, für mich leben lässt. Danke, dass du dich hier wiederfindest. Die Kartoffeln, Hilfe, das muss gruselig gewesen sein!
      Liebe Grüße
      Silke

  3. Also ich finde, das wäre eine schöne Serie, da sind mir auch gleich einige Dinge eingefallen. Und ich sah direkt meine Oma vor mir mit genau diesen Kittelschürzen, sie trug sie auch immer….herrlich! All diese herrlichen kleinen Erinnerungen, die abgespeichert irgendwo in uns schlummern sind es doch wert, ganz kurz hochgeholt und gesehen zu werden.
    Das war jetzt noch ein schöner Abschluss meines Tages heute, quasi mein Betthupferl
    Liebe Grüße
    Marianne

  4. Liebe Silke,

    das Rezept erinnert mich an meine Oma. Wir haben oft Nudeln mit Apfel/Birnen/Pfirsich Kompott und geröstetem Paniermehl gegessen. Lecker! Ich habe viele alte Gegenstände behalten ❤️

    Freue mich auf weitere Erinnerungen.

    1. Liebe Nicole,
      wie schön! Ich glaube, geröstetes Paniermehl war es hier auch immer mal. Jetzt, wo du es schreibst, kommt es mir so vor.
      Es freut mich, dass dir die Erinnerung gefiel.

      Liebe Grüße
      Silke

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