Dies ist ein Gastbeitrag von Ulrike Storny im Rahmen der Blogparade „Einen Scheiß muss ich!“. Vielen Dank, liebe Ulrike, für diesen Beitrag!
Mein Beitrag zur Blogparade „Einen Scheiß muss ich“ von Silke Geissen
Die Blogparade von Silke hat mir tatsächlich die Augen darüber geöffnet, dass ich weit weniger Muss-ichs mit mir herumschleppe, als ich dachte. Ein paar habe ich zusammenbekommen, aber so richtig MÜSSEN? Außer zur Toilette, Flüssigkeit und Nahrung konsumieren und irgendwann einen Platz am Friedhof belegen?
Nö.
Machen wir uns nicht die meisten Muss-ichs selbst bzw. denken, dass wir die Erwartungshaltung anderer auf uns projizieren MÜSSEN? Hier mal eine kleine, feine Auswahl, wobei ich bei den einzelnen Punkten gar nicht so recht sagen kann, woher der Eindruck von MÜSSEN kommt.
# Mich als Freelancerin ständig unter Druck setzen, auch wenn gerade kein Geld reinkommt? Einen Sch…
Ja, stimmt: Als Freelancerin hab ich kein festes Gehalt, kein Kollege, der für mich einspringt, niemand, der mir sagt, wann Feierabend ist. Kein bezahlter Urlaub, keine bezahlten Krankheitstage.
Die volle Härte der Selbstständigkeit, jeden Tag. Dazu die Tatsache, dass es noch ein wenig hin ist bis zur Rente und diese zudem minimal ausfällt.
[Einschub: An dieser Stelle danken wir mal eben allen Männern, die sagen „Du musst doch nicht arbeiten, ich verdiene genug. Halt mir lieber den Rücken frei“, um den Frauen während des Scheidungsprozesses genau DAS unter die Nase zu reiben: ihre vermeintliche Untätigkeit, Faulheit, mangelndes berufliches Engagement … Und wie fassen uns eben an die eigene Nase, weil wir so BLÖD waren!]
Tatsächlich sitze ich hier gerade in meinem 2-monatigen Zwangsurlaub (lange kurze Geschichte) mit nahezu NULLKOMMANULL Einkommen und wusele so vor mich hin. Und niemand ruft mich kurz mal eben in ein höchst wichtiges Meeting.
Ich MÜSSTE jetzt echt mega gestresst sein, weil die Finanzen drücken, aber ich erinnere mich an den Spruch einer Freundin vor gut 20 Tagen: „Nimm dir die Zeit, die du brauchst.“ Und diese Zeit sagt mir gerade, dass ich diesen vielleicht kühlsten Sommer für den Rest meines Lebens genießen sollte. Draußen, im Garten, der in diesem Jahr von keinem Hagelsturm zerstört wurde. Wer weiß schon, was noch kommt. Das Genießen geht auch (fast) ohne Geld. Und ganz ehrlich, bei der Hitze mag ich eh nix unternehmen.
# Diesen ganzen Bewerbungsscheiß mitmachen? Einen Sch…
Als ich Ende letzten Jahres meine drei größten Kunden verlor (KI usw. lassen vornehm grüßen 👋🏻), habe ich mich voll Elan in die Bewerbungsfluten gestürzt. LinkedIn, Stepstone, Jooble, Jobs.at und wie sie alle heißen waren nicht sicher vor mir. Breit gestreut meine Jobwünsche, Ideen, was ich machen könnte. Mit KI und allerlei Tools versuchte ich, meine Lebensläufe und Anschreiben zu perfektionieren.
Die Ausbeute: NIX.
Ich habe keine Statistik geführt, aber spontan würde ich behaupten, dass ich bei 95 % der Unternehmen gar keine Antwort bekam.
[Erneuter Einschub: Dieses „Ghosten“ deckt sich zu gut 90 % mit Rückmeldungen zu Belangen, die meine Wohnung und unsere Wohnungseigentümer-Gemeinschaft betreffen, für die theoretisch und praktisch Bauträger und Hauverwaltung zuständig sind.
Ohne Fristsetzung oder gar Drohen mit Rechtsstreit geht da eher nichts weiter. Natürlich kein Mittel zum Zweck bei Bewerbungen …]]
Klar, vermutlich hat es auch an meinen Qualifikationen, meinen Ansprüchen und meinem Alter gelegen.
ABER: Wusstest du, dass ca. 80 % aller Stellenanzeigen gar keine echten Stellenanzeigen sind, die Stelle also gar nicht vakant oder existent ist? Lange habe ich mir gar keine Gedanken darüber gemacht, dass ich keine Antwort bekommen habe, bis ich mehr zufällig auf verschiedene Gründe gestoßen bin: Ein paar habe ich hier gefunden, die nachvollziehbarsten allerdings hier.
Auch auf Facebook in den einschlägigen Gruppen wie „Zuverdienst für Mama“ werden dir bestenfalls irgendwelche Daten aus der Tastatur geleiert, aber ein echter Job steht selten dahinter.
Und deswegen habe ich für mich entschieden, die Jobvorschlags-E-Mails von Jooble, Jobts.at etc. zu beenden. Das spart mir eine Menge Platz im Postfach, Zeit und Frust.
Und weißt du, was das Beste ist?
Wer mich nicht will oder nicht bekommt, verpasst was und wird es nie wissen.
Ich schon – aber ich bin ja auch die Klügere von uns beiden.
# Immer und überall sichtbar sein? Einen Sch…
Keinen einzigen meiner Jobs oder Kunden in den letzten Jahrzehnten habe ich wegen meiner tollen „Sichtbarkeit“ auf den einschlägigen Plattformen bekommen. Nein, es waren immer Links, die ich von Freundinnen bekam, Newsletter, die mir weitergeleitet wurden, Mund-zu-Mund-Propaganda …
Es waren nicht die ewig gleichen Beiträge auf LinkedIn, wo sich nach meinem Eindruck viele ach so „Erfolgreiche“ tummeln (Ich frage mich, ob sie wirklich so erfolgreich sind und deswegen so viel Zeit haben, dass sie permanent Kommentare absetzen und Beiträge verfassen können.
Übrigens auffällig oft in ähnlichem Stil 🤔. Ein Schelm, wer dabei an KI denkt …
Ich fühle, dass diese ganze Selbstdarstellungsmaschinerie, von der viele behaupten, sie würde einem die Seele aus dem Leib saugen, dasselbe auch mit mir tut. Deshalb habe ich nach einer kurzen Euphorie für LinkedIn dort die Segel gestrichen.
# Meine Kamera schreit „Nimm mich! Benutz mich!“ Einen Sch…
Eigentlich hätte ich in diesem Jahr echt viel Zeit, meinem Hobby intensiver nachzugehen. Schließlich hat sich mein Kundenstamm drastisch reduziert und Motive, die ich schon immer mal angehen wollte, gibt es in und um Wien herum zuhauf. Viel ist mit den Öffis sogar kostengünstig zu erreichen.
Stattdessen liegt die – inzwischen reparierte – Kamera griffbereit in meinem Wohnzimmer und wartet auf Einsätze, die sich doch eher auf meinen Garten beschränken. Junge Falken, zwei Pirole, die vom Teich herauf ihren Weg in unsere Gärten gefunden haben, und allerlei anderes Geflügel und Pflanzen reichen mir im Moment aus.
# Bis 67 warten, um die Rente zu beantragen? Einen Sch…
Rente in Deutschland? Mit 67, frühestens. Auf besonderen Wunsch der aktuellen Bundesregierung vermutlich gerne auch 10 Jahre später. Oder gar nicht.
Hier in Österreich kann ich die Rente bereits mit 61,5 Jahren beantragen. Ob ich sie bekomme, liegt u.a. daran, ob die Rentenzeiten in Deutschland angerechnet werden.
Das Gute ist: Ich KANN sie beantragen, aber ich kann auch noch bis zu drei Jahren schieben, zugunsten einer um 5 % erhöhten Rente, und zahle in dieser Zeit nur die Hälfte der Pensionsversicherung.
Tatsächlich nimmt mir die Möglichkeit, schon bald den Antrag stellen zu können, sehr viel von meinen Existenzängsten, die sich aus den Punkten oben ergeben.
# Mich für DIE eine Nische entscheiden? Einen Sch…
Glaubt man Unternehmensberaterinnen oder Coaches, die es sich auf die Fahne geschrieben haben, Einzelunternehmerinnen auf den richtigen Pfad zu bringen, dann ist das Wichtigste: eine Nische zu finden und zu besetzen. Je spitzer die Nische, desto besser, so das Credo.
Ja, mag sein, dass ich mich mit einer Nische leichter getan hätte und mehr Erfolg im Beruf gehabt hätte. Mag auch sein, dass ich JETZT gerade einfacher Kunden finden würde.
Aber irgendwie habe ich mich immer dagegen gewehrt, mich in eine Form pressen zu lassen.
Ich bin sicher, dass ich gerade die Jobs der letzten Jahre als Medizinische Texterin oder Ghostwriterin niemals gemacht hätte, wäre ich in einer Nische kleben geblieben. Und ich mag die Abwechslung, die Möglichkeit, immer wieder neue Sachen zu lernen, mich in neue Themen einzuarbeiten.
Und wenn das bedeutet, dass mein nächster Job oder meine nächste Kundin wieder aus einem ganz anderen Bereich kommt, dann freut mich das umso mehr. Und mein Gehirn dankt es mir mit Neuroplastizität.
So, um die berühmten Worte von Christian Sievers zu bemühen:
Was bleibt nun von diesen ganzen Muss-ichs?
Nicht viel. Alle sagen, wie mein Leben auszusehen hat.
Ich mach’s trotzdem anders. Und im Moment funktioniert´s. Was später kommt, weiß niemand.
Vermutlich ist es das, was bleibt:
Ein Großteil dessen, was wir glauben zu MÜSSEN, reden wir uns selber ein oder bekommen es von anderen eingeredet.

Wer hat sich hier verewigt?
Ich bin Ulrike, medizinische Texterin und Content-Strategin aus Wien. Ich helfe Experten im Gesundheitsbusiness, ihr Fachwissen so zu vermitteln, dass es bei ihren Patienten und Kunden ankommt – verständlich, persönlich und unverwechselbar nach ihnen klingend.
Meine Schreibpassion und meine Begeisterung für alle Themen rund um empfindliche Haut lebe ich außerdem auf meinem Skincare-Blog www.hautinbalance.com aus.
Zwei Welten, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Genau das ist der Punkt.
Ulrike Storny
www.ulrikestorny.com
www.hautinbalance.com



Liebe Ulrike,
vielen Dank, dass du mir diesen Gastbeitrag verehrt hast – und ich bin so erstaunt, dass man das Scheiß-Thema von so vielen Seiten beleuchten und den Fokus unterschiedlich setzen kann. Hier ist nochmal der Link für alle: https://silke-geissen.de/gastbeitrag-ulrike-storny-einen-scheiss-muss-ich/
Ich lese, dass in den letzten Jahren viele Erfahrungen deutlich suboptimal waren, und ich bin beeindruckt, wie subtil-humorvoll du darüber schreibst. Es gibt viele Übereinstimmungen, die ich lese. Die Jobsuche mit 59plus – ein Alptraum, den ich gut kenne. Unschön. Ich drücke die intensiv die Daumen, dass sich die Lage entspannt und Dinge sich fügen, wie es für dich bekömmlich ist.
Und danke, dass du dieses herrlich passende Titelbild gewählt hast. Besser könnte es, glaube ich, kaum passen.
Ganz liebe Grüße aus Hamburg,
Silke