Sona Terlohrs Einladung zu ihrer Blogparade Damit habe ich als Mutter nicht gerechnet sprach mich gleich an. Ich kann auf zwei Zeitebenen gleichzeitig etwas dazu beitragen, denn ich bin nicht nur Annes Mutter, sondern auch Großmutter ihrer kleinen Babytochter. Gerade tue ich mir die Baby- und Kleinkindzeit aus neuer Perspektive hautnah noch einmal an. Mit allem, was dazugehört.
Bevor ich Mutter wurde, bezog ich mein Bild vom Muttersein aus Romanen und Liebesfilmen, ohne dass mir das damals bewusst gewesen wäre. Erste Liebe, ewige Liebe, glückliches Familienleben – und irgendwo dazwischen fröhliche, pflegeleichte Kinder. Die Realität sieht anders aus. Und gerade deshalb will ich erzählen, womit ich wirklich nicht gerechnet hatte.
Ich als Mutter im romantischen Weltbild und nach dem Realitäts-Check
Damals, als ich noch an die Liebe wie im Disney-Film glaubte, jene immerwährende, die der erste Kuss verheißt – in diesem Damals schwebe ich glückselig mit meinem wunderschönen, klugen, humor- und liebevollen Mann durch mein märchenhaftes Leben, und ein Kind nach dem anderen kommt zu uns, in unser märchenhaft schönes Zuhause, in unsere liebevolle Familie ohne jegliche finanzielle Herausforderungen, und wächst fröhlich, lernwillig, pflegeleicht mit seinen Geschwistern auf. Alle verstehen sich bestens und leben glücklich und zufrieden.
In meinem echten Leben geht die Liebesvorstellung dann nach dem ersten Kuss weiter, die Mann-Frau-Passung erweist sich als wenig tragbar. Aladdin weiß nicht mit seinen Gefühlen umzugehen und Prinzessin Jasmin wird immer unzufriedener. Keine Kinder. Ich lerne es nicht, bin dann mit vierzig ungeplant schwanger, die Beziehung ungetestet und langfristig nicht haltbar. Meine Tochter, mein absolutes Wunschkind, von dem ich nicht mehr dachte, dass es zu mir kommen wollte, fordert mich. Schon das Stillen ist anstrengend und wird es immer wieder. Das Essen ist eine Herausforderung, weil Anne extrem wählerisch ist. Und ich stelle fest, dass ich die Baby- und Ganz-Kleinkind-Phase ziemlich schrecklich finde. Am Rockzipfel hängen, Wünsche nicht artikulieren können – furchtbar! So niedlich sie auch war und noch ist, so wenig Gefallen kann ich an dieser Zeit finden. Jetzt hängt meine Enkelin an meinem Kleid und ich muss dauernd aufpassen, dass sie nicht hinfällt und sich den Schädel anschlägt. Sie ist mindestens genauso niedlich wie Anne als Kleinkind, und ich liebe es immer noch nicht.
… und doch so schön
Das liest sich jetzt recht defätistisch; ganz so ist es natürlich nicht. Bei all dem ungegessenen und verschmierten Essen, den ewigen Stunden auf dem Spielplatz oder in Babygruppen sind da diese vielen Momente absoluter Liebe. Schon in der ersten Nacht mit Anne konnte ich nicht schlafen, weil ich ihr dabei zugesehen habe, wie sie sich entfaltete von ihrem langen Ritt in die Welt, wie sie sekündlich schöner wurde, und ich konnte nicht fassen, dass ich ein derart zauberhaftes Wesen getragen und geboren haben sollte! Der Babyduft, die ersten Tönchen, das erste Lachen, dieses unglaubliche Vertrauen – das erlebe ich gerade wieder, und es ist mit keinem anderen Glücksgefühl zu vergleichen, das ich vorher kannte.
Zuzusehen, wie ein kleiner Mensch aus diesem hilflosen Etwas wird, ist eine ganz große Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Umso mehr ist es ein Geschenk, dass ich es durch das Zusammenleben mit meiner Enkelin noch einmal erleben darf. All diese völlig ungefilterten Emotionen, die ständige Weiterentwicklung, das Streben nach Mobilität und Autonomie – ich liebe es!
Die Löwenmutter-Momente
Ich habe mir immer gewünscht, meine Mutter wäre mehr Löwenmutter gewesen. Das verbot ihr ihre Diplomatie und ihr Wunsch, mit allen im Frieden zu sein. Jedenfalls war das meist mein Eindruck. Außer im Kindergarten, in dem ich für das letzte Jahr vor der Einschulung war. Da wurde ich nur einmal gezwungen, meinen Teller leerzuessen, den ich mir nicht selbst zusammengestellt hatte. Das war ein toller Einsatz!
Und ich wollte immer vor meinem Kind stehen, egal was war. Es fing mit einer lustigen Grüne-Tomaten-Szene bei IKEA an. Wir warteten an der Warenausgabe, und Anne wollte auf die Babyrutsche gehen. Sie war noch sehr klein. Ein größerer Junge setzte sich kurz vor ihr mit seinem Bruder auf die Plattform, einfach nur um sie zu blockieren. Ich sprach ihn darauf an, er möge bitte die Kleine rutschen lassen. Er lachte dreist und sagte: „Ich bin fünf und viel größer.“ Und blieb sitzen. Nicht lange. Denn dann hob ich ihn von der Plattform, setzte ihn auf den Boden und sagte: „Und ich bin 43 und NOCH viel größer“.
So ging es weiter. Mehr Beispiele und Erkenntnisse aus unserem Tochter- und Löwenmutter-Leben beschreibe ich in meinem Artikel So leben wir als Familie – Wild, frei und wunderbar.
Kinder ändern alles, Enkel auch
In meiner Altersgruppe habe ich mein Kind sehr spät bekommen; das macht erstmal sehr einsam. Meine Leute aus der Schulzeit waren schon zum großen Teil mit Heranwachsenden gesegnet, und wir hatten auch den Kontakt verloren. Völlig normal. Ich mäanderte durch mein Leben mit verschiedenen beruflichen Ausrichtungen, nicht ewig währenden Beziehungen. Und als Anne sich ankündigt, bin ich gerade komplett in meiner Arbeit aufgegangen. Als Event Manager in einem großen Veranstaltungshaus ist immer viel los, massig zu organisieren und vieles zu feiern. Mit den Kollegen, den Kundinnen und Kunden, gelegentlich auch mit Freunden. Ich flattere durch mein Leben und bin doch irgendwie allein.
Und dann kommt Anne. Der Vater ist bemüht, wir versuchen Familie, es klappt nicht so recht. Wir sind noch lange nach der Trennung in gutem Kontakt, und durch die Nähe unserer Wohnungen sind die Papazeiten mühelos zu organisieren. Dank seiner Dienste sind sie auch recht lang. Das ändert sich, als wir in einen anderen Stadtteil ziehen und Anne auf die Schule geht. Die Papazeiten können nur noch am Wochenende sein, was für ihn nur alle drei Wochen möglich ist, ansonsten können sich die Beiden mal nachmittags treffen. Das Ganze entwickelt sich weiter, auseinander, wieder zusammen.
So sind Anne und ich überwiegend allein miteinander. Das schweißt uns sehr zusammen. So intensiv, dass ich nach 22 Jahren denke, ich muss aus der Gemeinschaft ausbrechen und mir einen neuen Wirkungskreis suchen. Ich gehe nach Amrum. Und komme zurück. Mit meinem Job dort läuft es nicht so, Anne ist schwanger, und mein Mutterinstinkt sowie meine Intuition sagen, es ist unsinnig, in dieser Situation auf Amrum weiterzusuchen. Die Schwangerschaft ist nicht schön für sie, ihr romantisches Bild vom Kindsvater bröckelt, und ich bin froh, ihr durch diese Zeit zu helfen.
Damit ist dann die nächste Generation in unser Haus eingezogen. Es bleibt aufregend.
Darauf hat mich niemand vorbereitet
Alle anderen wissen mehr als ich
Kaum hast du ein Baby, wissen alle alles besser. Immer. Wann ich sie anlegen soll und wann nicht, wann sie schlafen muss und wann sie es nicht sollte. Dass ich sie so tragen soll, wie ich es gerade nicht tue, und ob sie nicht im Kinderwagen besser aufgehoben sei als im Didymos-Tuch. Ich bin eine Equipment-Besorgerin. Für Hobbys, Sportarten, fürs Babyhaben. Vor Annes Geburt hatte ich ein wunderschönes Tragetuch und einen vielen Kriterien erfüllenden Kinderwagen. Als sie da war, trug ich sie fast nur, weil in der Innenstadt mit Kind am Körper vieles einfacher ist als mit einem großen Wagen vor defekten Aufzügen und Rolltreppen. Nur die Bemerkungen von Tuch-Argwöhnischen, die sind nicht einfacher. Ich hätte nie damit gerechnet, angefeindet zu werden, weil ich mein Kind in der Julihitze im Tuch habe, wo sie einen Hitzschlag bekommen könne. Da kann ich ja froh sein, dass Anne das überlebt hat!
Die Einsamkeit
Mit Baby in einen neuen Stadtteil zu ziehen, macht noch einsamer, als nur eine reifere Mutter zu sein. Babygruppen sind nicht selten eingeschworene Babycliquen, in die hineinzufinden eine echte Aufgabe ist. Mit Geduld, Hartnäckigkeit, Freundlichkeit und dem Wissen, dass nicht alle zum harten Kern gehören können, finden wir Anschluss. Damit ist alles besser, denn die Freunde übernehmen selbst die Kindergarten-Eingewöhnung, als ich im Arbeitskampf an meinen alten Arbeitsplatz zurückkehre. Ich finde eine Babyflohmarkt-Gefährtin, und auch in den Babycliquen sind nicht alle so eng an die Leithirschin gebunden, wie es zunächst wirkt. Es lässt sich irgendwann aushalten.
Kinder gehören allen. Nicht.
Kaum bin ich mit Anne unterwegs, hängen Menschen ihre Köpfe in den Wagen oder ins Tuch (damit auch fast in mich), fassen Füße und Hände an. Finden es verwerflich, dass ich damit nicht einverstanden bin. Auch in der Verwandtschaft und dem weiteren Umfeld der Familie muss nicht jeder das Baby anfassen. Das Bewusstsein, dass auch ein Baby ein Mensch ist, der nur seinen Willen noch nicht verbal äußern kann, hat viele noch nicht erreicht. Dabei merke ich so deutlich bei meiner Enkelin, wie klar sie durch Wegdrehen oder das Fernhalten sich nähernder Personen sein kann. Wenn sie etwas nicht will, streckt sie Arme und Beine aus, um Annäherungen zu verhindern. Das zu übergehen erfordert schon einige Ignoranz.
Wenn dein Kind für andere ein Problem ist, ist nicht immer dein Kind dafür verantwortlich
Anne hatte nach der Grundschule keine gute Zeit. Ausgrenzung, Schulvermeidung, Gespräche mit Lehrkräften, Psychologen, ich will nicht ins Detail gehen. Sie kam, wie ich in meiner Schulzeit auch, mit einigen Lehrkräften hervorragend klar, mit anderen gar nicht. Dazwischen gab es ein paar Unauffällige. Ich war eine dieser Mütter, die zu Beginn der Elternabende gefragt wurden, ob ich danach noch ein paar Minuten Zeit habe. Zum Glück wusste ich von Anne meist, was den Gesprächsbedarf begründen würde.
Im Zuge der Schulvermeidung galt es viele Anlaufstellen abzuklappern. Ein Psychologe und eine Psychiaterin mochten Anne nicht, das ist mir leider erst spät wirklich klar geworden; dachte ich doch, in diesem Berufsstand wären die Agierenden neutral. Im Nachhinein glaube ich, einige Beurteilungen wären bei freundlichem Interesse an meiner Tochter anders ausgefallen.
Was ich mit Kind von meinem Leben „davor“ vermisse und was danach wird
Nichts.
Das ist der Vorteil der späten Mutterschaft. Ich habe gelernt, gelebt, geliebt, gefeiert, und ich fing schon an, mein Leben ein wenig fad zu finden. Das sollte sich ändern.
Und gerade als ich dachte, ich hätte jetzt eine erwachsene Tochter, die auf einem guten Weg ist, besonders beruflich, geht es wieder los. Insofern vermisse ich das Leben „danach“, das gerade beginnen sollte. Ich hatte gerade begonnen, Vorstellungen davon zu entwickeln. Nun liegt es noch für eine Weile auf Halde, weil ich zugesagt habe, Anne mit ihrer kleinen Tochter so lange zu unterstützen, wie der Rest der unterbrochenen Ausbildung dauert. Wobei ich dank KiTa dann ja auch nicht mehr ganztags in der Pflicht bin und wochentags schon viel für meine persönliche Entfaltung und Lebensgestaltung tun kann.
Vielleicht ist auch das Mehrgenerationenhaus die Lebensform meiner späten Jahre? Ich gehe da mit dem Flow der kommenden Entwicklungen.
Mit Kind kannst du auch nochmal Kind sein
Anne und ich haben so viel zu lachen. Auf dem Beitragsbild sind wir gerade auf Usedom und werden unerwartet so nass, dass wir kaum noch aus den Augen gucken können.
Im Skandinavien-Urlaub waren wir in drei Vergnügungsparks gemeinsam und sind auf einigen Bahnen mit Fotomöglichkeit so lange gefahren, bis wir mit unserem Schrei-Foto zufrieden waren.
Über manche Geschichten kann Anne erst später lachen. Bei IKEA gab es früher zum Frühstück solche Ei-Pads. Geformtes Rührei, das recht fest ist. Anne konnte damals noch nicht Maß halten und hat sich den Mund sehr vollgestopft. Ich ermahnte sie immer, sie solle ein bisschen Platz zum Kauen lassen, denn sonst könnte sie ihr Essen nicht im Mund bewegen. Anne wusste es besser. und in diesem Ei-Pad fand sich ein Stückchen Schale, das sie hinten im Hals kratzte. Die Idee, einen Teil aus dem Mund zu nehmen, war keine Option, und sie quälte sich sehr. Ich war hin- und hergerissen von einer Mischung aus Mitgefühl und irrwitzigem Lachen. So saß ich da, wollte teilnahmsvoll aussehen, dabei lief ich dunkelrot an und die Lachtränen liefen aus meinen Augen. Kein Glanzstück meiner Contenance, und es sorgt heute noch für witzige Betrachtungen.
Für einen kleinen betreuten Spielplatz kaufte ich Anne und mir komplette Regen-Outfits fürs Fahrrad, so dass wir hemmungslos durch den Regen fahren und Pfützenhüpfen konnten.
All die kleinen und größeren Erlebnisse sind teilweise noch heute so intensiv, dass ich völlig hingegeben, ausgelassen, losgelöst von der Außenwelt, mit Anne blödele und lache.
Was ich einer neuen Mutter mitgeben würde
Traue deinem Gefühl. Dein Kind ist dein Kind. Es ist anders als sein oder ihr Kind. Jedes Kind ist anders, und du bist die Spezialistin für dein Kind.
Und wenn dich jemand kurz nach der Entbindung besuchen will, lasse sie Essen mitbringen oder bei dir kochen. Komm’ nicht auf die Idee, Kuchen für Besuchende zu backen. Dann sollen sie lieber noch ein paar Wochen warten. Ist sowieso gut, denn deine Beziehung zu deinem Kind, deiner neuen Familie, ist das Wichtigste von allem. Es ist ja noch alles fremd gerade, lernt euch erstmal in der neuen Formation kennen!
Wenn du Schmerzmittel unter der Geburt nicht rigoros ablehnst, nimm sie früh genug. Als ich eine PDA wollte, war es zu spät. Nur Akupunktur ging noch.
Auch deine Mutter, dein Cousin, die liebe Nachbarin, müssen dein Baby nicht anfassen, wenn es sich für dich in dem Moment falsch anfühlt. Auch das spricht für wenig Besuch am Anfang. Dann kommt es gar nicht erst zu solchen Situationen.
Mit einem Kind kommt das Chaos. Die wenigsten schaffen es, auch dann noch ein makellos aufgeräumtes und sauberes Zuhause zu haben. Und beim größten Teil von den Wenigen stehen wahrscheinlich Kisten, Taschen, Körbe mit hektisch vor dem Besuch eingesammelten Dingen in einem anderen Raum, der während des Besuchs nicht genutzt wird. Guck dir lieber mit deinem Kind – es ist ja nicht immer ein Baby – am Bach die Kaulquappen an oder laufe mit ihm durch den dickblasigen Sommerregen. Diese Momente kommen nie wieder; Aufräumen und Putzen sind geduldige Aufgaben.



Liebe Silke,
So ein schöner Blogbeitrag in dem man wahrlich mit jedem Wort die Liebe zu deiner Tochter und jetzt auch Enkeltochter liest. Ich hoffe, dass auch ich solch eine Beziehung zu meinet Tochter aufbauen kann. Zumindest ist das mein Ziel.
Ich hab auch teilgenommen an der Blogparade, vielleicht magst du meinen ja auch lesen. :):
https://moms4moms.de/muttersein-damit-habe-ich-nicht-gerechnet/
Liebe Grüße
Jenny
Liebe Jenny,
ganz herzlichen Dank für deine Worte; da bekomme ich ja Gänsehaut. Ich freue mich, wenn du unser Mutter-Tochter-Verhältnis als Vorbild siehst, das ehrt mich zutiefst.
Ich wünsche es dir und deiner Tochter sehr.
Und jetzt gehe ich gleich mal bei dir stöbern.
Liebe Grüße
Silke