Die Autorin lehnt versonnen an einem Baum. Neben ihr der Text: ein paar Gedanken über die Lebensmitte. Unter dem Bild der Text: Sind wir nicht alle ein bisschen Midlife Crisis?

Ein paar Gedanken zur weiblichen Midlife Crisis

Eine der großen Fragen, die Frauen in der Lebensmitte bewegen: Bin ich jetzt in der weiblichen Midlife Crisis? Die Mitte des Lebens ist hier nicht so genau zu definieren. Die Phase, wenn viele Lebenspläne umgesetzt sind, viel erreicht ist und Träume gelebt oder aufgegeben werden. Vieles ist geworden wie erhofft, einiges nicht. Anderes fehlt plötzlich schmerzhaft, und auf einmal fällt es auf. Es hat sich angehäuft und drückt aufs Gemüt. Und das ist eine große Chance! Das „Wie bin ich eigentlich hier gelandet?“ setzt ungeheuer viel Entwicklungsenergie frei.

Die Lebensmitte definiert sich durch verstärktes Hinterfragen, Selbstreflexion, persönliches Wachstum. Sie ist geprägt von der Suche nach Veränderung und Sinn. Männern sagt man nach, in ihrer Midlife Crisis verstärkt Statussymbole wie teure Autos, Uhren, Jachten zu brauchen, genau wie (zu) junge Frauen. Dem gehe ich hier nicht gezielt nach, ich konzentriere mich auf die Frauen. Bei Frauen spielt sich das Ganze meist eher im Inneren ab. Lass mich hier einfach einige Anzeichen der weiblichen Midlife Crisis näher beleuchten:

Typische Themen in der Lebensmitte

Die Frage nach dem Lebenssinn lässt dir keine Ruhe

Ob durchschnittlich erfolgreich oder mit absoluter Traumkarriere, irgendwann im Leben stellt sich fast jede Frau die Frage, ob ihr Lebensweg der richtige war. Kennst du auch, oder? Du setzt dich mit deiner Identität und deiner Lebenszufriedenheit insgesamt auseinander. Es ist eine typische Zeit für verstärkte Selbstreflexion. Du suchst nach mehr Sinn und Erfüllung. Die Zahlen auf dem Kontoauszug sind nicht mehr Gegenwert genug für deine Arbeit. Du willst in Resonanz gehen mit dem, was du tust. Du willst fühlen, dass du etwas bewirkst mit deinem Handeln.

Viele Frauen stellen fest, dass sie auf der Stelle treten, an einem Punkt angelangt sind, an denen es mit der Karriere nicht weitergehen kann, dort wo sie sind. Der Job steht auf dem Prüfstand. Fragen kommen auf: Wechseln? Wohin? In der Anstellung bleiben? Ein eigenes Unternehmen gründen? Aktivistin werden? Finanzielle Freiheit und frühen Ruhestand anstreben? Es tut sich auf jeden Fall etwas! Die Sinnsuche ist ein weites Feld. Sehr viele Frauen entdecken jetzt ihre Spiritualität, gehen Wege, die sie sich vorher nie zu gehen getraut hätten. Alles scheint möglich, und im nächsten Moment scheint es wieder zu spät zu sein. Ein Spannungsfeld, in dem ich unglaublich gern arbeite!

Veränderung des Körperbildes und unserer Körperwahrnehmung

Der Körper verändert sich, wenn wir älter werden. Physiologische Prozesse, hormonelle Umstellungen, seelische Zufriedenheit – alles wirkt sich auf unser Körper- und unser Spiegelbild aus. Linien werden ausgeprägter, die Struktur von Haut und Haaren anders. Und je nachdem, wie liebevoll wir unser Spiegelbild ansehen, fühlen wir Freude, Frust oder eine der vielen Nuancen dazwischen. Schlupflider und Schwerkraft können uns das Leben schwer machen. Je nachdem wie stabil wir insgesamt sind, gehen wir gelassen damit um oder erwägen Eingriffe, Stil-Revolutionen, Make-up-Experimente.

Der Körper fühlt sich anders an, innen und außen. Unser Eigengeruch verändert sich. Alles Gewöhnungssache, nicht immer einfach. Auch der Beziehungsstatus wirkt sich aufs Körpergefühl aus, das eigene Verhältnis zu Sexualität. Ob in einer Beziehung oder nicht, eine körperbejahende, lustvolle Frau wird sich insgesamt in ihrem Körper wohlfühlen und selbstbewusst bewegen. Sich im Spiegel ansehen, ihre Veränderungen annehmen, sich gern berühren, ihren eigenen Geruch und Geschmack kennen. Sich mit dem eigenen Körper entwickeln und die Veränderungen annehmen ist herausfordernd und lohnt sich tausendmal. Einzusehen, dass unsere Kleidung dem Körper zu dienen hat und nicht umgekehrt, setzt noch ein Sahnehäubchen obendrauf.

Ein neues Gesundheitsbewusstsein erwacht

Auch wenn sie bis jetzt unsere Gesundheit eher geschehen ließen, entwickeln viele Frauen in der Lebensmitte ein feineres Gespür für ihre Gesundheit. Fest steht: wenn wir gesund älter werden möchten, hilft es, sich rechtzeitig um ein paar Stellschrauben zu kümmern. Vorsorgeuntersuchungen, ausreichend Bewegung, gutes, nährendes und beglückendes Essen sowie gute Gewohnheiten.

Das Essen: am liebsten antientzündlich, fleischarm oder -frei, aus natürlichen Lebensmitteln, ausgewogen und nicht im Übermaß. Die Seele freut sich über abwechslungsreiche Farben, Texturen, Konsistenzen und Aromen. Bei der Bewegung ist ein guter Mix für Ausdauer und Muskelerhalt oder -aufbau sinnvoll. Genügend Schlaf, Psychohygiene, Morgenroutinen. Der Tag ist dein Freund, wenn du ihm morgens ein Fundament baust. Zum Beispiel aus Schreiben, etwas Bewegung, Zeit für dich. Die einen praktizieren ayurvedische Morgenroutinen, andere schwören auf Brain Dumping, Morgenseiten, Journaling – unterschiedliche Methoden, Gedanken aus dem Kopf zu Papier zu bringen. Was immer es sei, eine gewisse Struktur morgens lässt uns viel positiver in unsere Tage starten.

Beziehungen in der Midlife Crisis

Was lange ruhig vor sich hin lief, kann in der Lebensmitte plötzlich unerträglich scheinen: die Ehe oder Langzeitbeziehung mit immer demselben Partner oder derselben Partnerin. Häufig ist es so, eine hat sich weiterentwickelt, der oder die andere nicht so. Oder in eine ganz andere Richtung. Nie hinterfragt, seid ihr zum Beispiel immer gemeinsam im Urlaub gewesen, plötzlich scheint es nicht mehr möglich zu sein. Jahrelang hast du Kompromisse gemacht, du bist immer in die Berge mitgefahren, obwohl du ein Meermensch bist. Wenn du genau hinguckst, finden sich auf einmal nur noch Missverständnisse zwischen euch. (Kleiner Teaser: das muss nicht so bleiben!)

Was zwischen Partnern passiert, kann sich auch bei Freundinnen einstellen: Du bist beruflich auf Veränderungskurs und tust einiges in Richtung Persönlichkeitsentwicklung. Währenddessen will deine beste Freundin auf einmal nur noch Oma sein und hat keine Zeit mehr für eure Treffen, eure Ausflüge, eure Kurzreisen. Oder eine von euch wächst anders aus der Beziehung heraus. Es kann sehr schmerzhaft sein, bei einer langjährigen Freundin zu bemerken, dass ihr euch nichts mehr zu sagen und zu geben habt. Je höher das Alter, desto schwieriger ist es, neue Freunde zu finden. Schwierig, aber nicht unmöglich: Mittlerweilse sind so viele Menschen auf der Suche nach Freundschaften, dass es Apps für gemeinsame Freizeitaktivitäten gibt. Und manchmal entdecken wir Freunde wieder, deren Lebensentwürfe über längere Zeiträume nicht zu unseren passten, jetzt aber doch wieder. Gibt’s auch! Meine Freundin Heike und ich kennen uns seit 1975, waren jahrelang sehr eng, dann lange nicht mehr. Vor drei Jahren liefen wir uns zufällig über den Weg und treffen uns jetzt wieder häufiger und mit wachsender Begeisterung.

Silke Geissen und ihre Freundin Heike. Zwei Frauen, freizeitgekleidet, im Wald mit breiten Lächeln
Vor ein paar Tagen bei einem Ausflug in Kassel, das Bild kennst du vielleicht schon aus dem Juli-Rückblick.

Neue Erfahrungen

Die Mitte des Lebens? Hilfe, was habe ich alles verpasst! Hast du dich bei dem Gedanken schon einmal erwischt? Viele Frauen entdecken jetzt nicht nur sich selbst, neue berufliche Richtungen und die Spiritualität, sondern wagen es, Träume auszuprobieren, bevor sie sie ad acta legen. Zum Beispiel: Mit Mitte 40 fing ich an, E-Bass zu spielen und tat das sogar eine Weile lang in einer Mini-Band. Bis der Gitarrist, mit dem ich liiert war und der mich überhaupt dazu gebracht hatte zu spielen, nicht mehr mit mir liiert sein wollte. Weder mein Übungsstand noch mein Zeitkontingent als Alleinerziehende mit kleinem Kind machten mir übertriebene Hoffnungen, groß rauszukommen. Der schicke Framus-Bass steht, mit einem kleinen Bass-Verstärker, noch im Keller und nährt mein Fantasy Self.

Meine Erkenntnis: ich will gar keine Bassistin werden. Es aber ausprobiert zu haben, fühlt sich toll an. Und das ist das Wesentliche! Zu denken, es ist egal, was andere denken, ich mach’s einfach! Ob du ein Jahr Backpacken gehst, Schweißen lernst, allein auf dem Jakobsweg gehst wie meine Midlife-Coach-Kollegin Korina. Oder dir einen Camper kaufst und dich damit immer weiter traust. Auch wenn du dir in der ersten Nacht „fast in die Kutte kackst“ wie Angelika, die Freiraumfrau – wesentlich ist, es auszuprobieren. Genau wie wir etwas neues versuchen, können wir es auch wieder loslassen, wenn es für uns nicht passt. Mit der Verabschiedung des Perfektionismus und einem beherzten „Jetzt bin ich dran!“ legen wir los. Hast du schon ein spannendes neues Projekt in Angriff genommen?

Was noch zu sagen ist:

Die Punkte oben erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die Midlife Crisis kommt in vielen Gewändern daher und bringt ungeahnte Geschenke, die uns herausfordern. Nicht jede Frau durchlebt alle Merkmale, nicht jeder Punkt fällt gleich intensiv aus. Unterstützung von Freunden, Familie, professionelles Coaching oder auch Therapie können dabei unterstützen, ein Midlife ohne oder mit wenig Crisis zu durchleben und konstruktiv zu bewältigen.

Für Frauen in der weiblichen Midlife Crisis ist es enorm wichtig, sich Zeit für sich selbst zu nehmen, ihre Bedürfnisse und Wünsche ernstzunehmen und sich auf ihre persönliche Entwicklung einzulassen. Diese Zeit ist eine großartige Chance für persönliches Wachstum und neue Möglichkeiten, um das Leben wieder erfüllend, inspiriert und bereichert zu leben.

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Dieser Beitrag ist Nr. 2 in der Blogdekade in TheContentSociety. Vom 1. bis 10. August 2023 ist die Herausforderung für viele Bloggerinnen, täglich einen Artikel zu schreiben. Hierbei gilt: alles kann, nichts muss. Ich bin gespannt, wie weit ich dieses Mal komme.

6 Kommentare zu „Ein paar Gedanken zur weiblichen Midlife Crisis“

  1. Liebe Silke, alles, was du beschreibst, habe ich mehr oder weniger intensiv oder lustvoll erlebt. Über den Bass im Keller musste ich schmunzeln, vor allem, weil du ihn als nährend für den Fantasy Self bezeichnest. Richtig gelacht habe ich bei der Geruchsveränderung. So ca. im Alter von 42 Jahren war ich mit einer Freundin unterwegs. Eines Abends kam sie von Toilette und meinte „Ich hasse es, dass es beim Pinkeln jetzt immer so nach alte Frau riecht!“ Von da an achtete ich immer auf den Geruch und roch die Veränderung. Aber irgendwie entlockt es mir noch immer ein Grinsen, wenn es mal nach „alte Frau“ riecht. Weil das bin ja immer noch ich. Und diese Midlife-Jahre erlebe ich ähnlich deiner Beschreibung: Ruhig und intensiv und irgendwie mich für mich mehr in den Fokus rückend, ohne mich dabei allzu wichtig zu nehmen (und die Meinung anderer schon gar nicht). Ich halte das für sehr spannende und gute Jahre. Herzliche Grüße Sylvia

    1. Liebe Sylvia,
      hahaha, ja, so riecht alte Frau! So ganz leicht fällt es mir nicht, diese Veränderungen anzunehmen. Aber den Rest, die zunehmende Gelassenheit im Umgang mit uns selbst und anderen, finde ich schon großartig.
      Vielen lieben Dank für deinen humorvollen und ehrlichen Kommentar!
      Liebe Grüße, Silke

  2. Liebe Silke, du sprichst da etwas Großes an. Ich denke, wir Frauen erleben unsere Lebensmitte anders als Männer, weil wir noch immer – zumindest unsere Generation – einen Löwenanteil der Kindererziehung übernahmen. Das fällt nun weg und daher kommt bei uns zuerst das Gefühl hoch, „da muss es doch noch irgendetwas anderes Größeres geben“ oder „was habe ich alles verpasst / was ist auf dem Weg liegengeblieben“ (wie der E-Bass, den du oben angibst).

    Dein Artikel hat bei mir ausgelöst, dass ich mich gerade aktiv mit meinen Gedanken beschäftige (die mich gerade beschäftigen). 🙂 Liebe Grüße, Manuela

    1. Liebe Manuela,

      es freut mich, dass ich dich inspiriere, dich mit deinen Gedanken zu beschäftigen, die dich gerade beschäftigen.
      Das Größere, das es irgendwo geben muss, kann echt zur Bedrohung unseres Seelenfriedens werden, merke ich manchmal.

      Danke für deinen Kommentar.
      Liebe Grüße, Silke

  3. Danke, liebe Silke, du hast so viele grundlegende Themen angesprochen: Die Sinnfrage, körperliche Veränderungen, Gesundheit, Beziehungen und auch die Frage nach dem, was man verpasst haben könnte.

    In all dem schwingt etwas mit, das Lust macht und dazu einlädt, sich auf diese Zeit einzulassen, die Chancen wahrzunehmen und zu ergreifen und sich auf Neues einzulassen. …. und das, was sich bewährt hat, weiterzuführen.

    Liebe Grüsse
    Esther

    1. Liebe Esther,

      ein wunderschöner Kommentar von dir als Kollegin, ganz herzlichen Dank!
      Ja, ich glaube, es ist eine tolle Zeit, so voller Verheißungen und möglicher Neuanfänge.
      Und wie du sagst, wir müssen längst nicht alles wegwerfen, was uns bisher dient, sondern den Schatz unserer Weisheit nutzen, um Neues gut zu integrieren.

      Liebe Grüße
      Silke

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