Die Autorin steht lachend vor einer Betonwand und zeigt auf ein blaues Schild mit weißer Aufschrift: Einen Scheiß muss ich – und was stattdessen bleibt

Einen Scheiß muss ich – und was stattdessen bleibt

In The Content Society sind wieder die Blogparaden los. Im CoBlogging, das sind drei gemeinsame Fokusstunden mit anderen Bloggerinnen, MÜSSEN alle meist sehr viel. Mittlerweile wissen die Teilnehmerinnen schon, was los ist, wenn ich grinsend zuhöre und heimlich etwas aufschreibe – an manchen Tagen mache ich Strichlisten und präsentiere am Ende der Sitzung die Zahlen. So entstand spontan der Titel „Einen Scheiß muss ich“, und er ließ mich nicht wieder los. Hier ist nun mein eigener Beitrag zu meiner Blogparade, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Das Wort MÜSSEN ist mir schon mein ganzes Leben hindurch suspekt. Besonders meine Mutter ist damit sehr großzügig. Fleißiges, diszipliniertes Kriegskind, das sie ist – da wundert es nicht, dass sie so vieles zu müssen glaubt. In ihrer Kindheit unterlag sie anderen Zwängen und Notwendigkeiten als wir heute. Doch müssen wir wirklich SO vieles? Müssen wir zum Friseur gehen? Nein, wir könnten unsere Haare auch wachsen lassen, bis wir darüber stolpern. MÜSSEN wandelt das, was wir tun, in fremdbestimmte Pflichten um und scheint uns keine Wahl zu lassen. Das störte mich als ewig aufsässige Tochter schon immer. Als Erwachsene bin ich nicht weniger rebellisch und stehe zu meiner Ablehnung des Worts MÜSSEN.

Meine Mutter stöhnt schon, wenn ich mal wieder sage: „Außer aufs Klo gehen und sterben müssen wir gar nichts„. Ganz so leicht ist es natürlich nicht – als provokante These eignet es sich allemal! In meiner Liste, was ich nicht mehr muss, versuche ich, so viele MÜSSENs wie möglich zu erwischen. Bestimmt habe ich einige vergessen. Egal, los geht’s!

Blog und Arbeit

Ich muss nicht für immer beim selben Arbeitgeber bleiben.

Ich darf während meines Arbeitslebens komplett die Richtung wechseln, auch mehrmals. Niemand hat mich einen Vertrag mit meinem 20-jährigen Ich unterschreiben lassen, der mich für alle Zeit bindet. Was damals richtig war, darf heute falsch sein. Und was heute richtig ist, kann in fünf Jahren wieder anders sein. Das ist kein Scheitern, das ist Entwicklung.

Ich muss mir kein Beispiel an den Kindern anderer Eltern oder an Menschen meiner Altersklasse nehmen, die mit den besten Studienabschlüssen ihrer Jahrgänge großartige Festanstellungen mit gigantischem Einkünften haben. Ihr Weg ist ihr Weg. Ich gehe meinen.

Ich muss mich nicht auf eine Tätigkeit beschränken – wie ich mein Arbeits-Portfolio aus Anstellung und Selbstständigkeit gestalte, ist meine Entscheidung und immer in Bewegung.

Ich muss auf keiner Karriereleiter herumklettern. Es darf auch mal ein oder zwei Schritte zurück gehen, wenn es sich sinnvoller anfühlt oder einfach Spaß macht.

Ich muss nicht jede Woche einen Artikel veröffentlichen, um eine echte Bloggerin zu sein. Ein Artikel im Monat zählt genauso, und wenn es nötig ist, darf auch eine längere Pause sein. Meine Leserinnen finden mich immer wieder.

Ich muss meinen Newsletter nicht jede Woche verschicken, auch wenn ich es gern täte und das Schreiben absolut liebe. Manchmal ist so viel Leben drumherum, dass sich für eine Weile die Prioritäten verschieben.

Ich muss nicht wissen, wie mein Blog in fünf Jahren aussieht. Er ist ein lebender Organismus, der sich durchs Schreiben formt und entwickelt.

Beziehungen

Ich muss von meiner Tochter und meiner Enkelin nicht das ganze Haus babygerecht umgestalten und „dekorieren“ lassen. Kann ich aber. Dafür habe ich die beiden nah bei mir und genieße das Privileg, ein zauberhaftes kleines Wesen heranwachsen zu sehen. Und zu erleben, wie sich mein eigenes kleines Mädchen zu einer liebevollen und umsichtigen, reflektierten jungen Frau und Mutter entwickelt.

Ich muss niemanden mögen, weil er oder sie mit einer Persönlichkeit verbunden ist, die mir sehr am Herzen liegt. Sympathie vererbt sich nicht automatisch. Nur weil du meine beste Freundin liebst, meinen Cousin heiratest oder mit meiner Schwester zur Schule gegangen bist, schulde ich dir kein Herzklopfen.

Ich muss nicht jede Familientradition mitmachen, nur weil es schon immer so war. Familien ändern sich; Menschen kommen, andere gehen. Babys werden groß, die älteste Generation ist ganz plötzlich hochbetagt. Manche Konstellationen sind einfach nie gut, andere verändern sich unerwartet und werden ganz eng. All das darf sein, all dem darf Rechnung getragen werden.

Ich muss nicht sofort antworten, nur weil eine Nachricht ankommt.

Ich muss nicht um jeden Preis erklären, warum ein Kontakt für mich nicht mehr passt. Manche Türen schließen sich leise, ohne großes Drama.

Ich muss nicht erklären, warum ich keinen Partner habe. Es ist genau jetzt genau so. Vielleicht ist es auch irgendwann anders. Wer weiß das schon. Alles ist richtig.

Freundschaften und andere Beziehungen verändern sich, so wie sich Menschen, Interessen, Wohnort und Beziehungsstatus verändern. Manchmal gehen wir ein Stück des Weges gemeinsam, bis jede für sich allein weiterwandert. Ich muss nicht mit jeder Kollegin, mit der ich mich gut verstanden habe, befreundet bleiben. Kann ich auch nicht, es waren zu viele.

Und dann entwickelt sich auch etwas wieder aufeinander zu. Eine Beziehungspause muss nicht für immer sein. Bisweilen ist es einfach eine Frage der Schnittmengen und der Lebensentwürfe. Meine liebe Freundin Nathalie hat, als ich eine Ausbildung begann, studiert, dann geheiratet und Kinder bekommen. Mein Kind kam erst, als ich schon 40 war. Irgendwann danach haben wir uns wiedergefunden, und ähnlich ist es mit anderen alten Freundschaften auch.

Meine Schulfreundin Heike und ich

Körperliebe

Ich muss meinen Körper nicht mit anderen vergleichen. Als Teenager war ich die Längste in jedem Klassenfoto, und alle hatten eine Meinung dazu. Heute hat mein Körper die Meinung, die zählt: meine eigene. Oder auch seine, wenn ich ihm im Interview eine Stimme gebe.

Ich brauche keine andere Person, die mir sagt, dass ich gut aussehe. Wenn ich mich gut fühle, sehe ich es selbst beim Blick in den Spiegel. Wenn ich mich schlecht fühle, glaube ich es anderen sowieso nicht.

Ich muss Nähe oder Berührungen nicht aushalten, die sich nicht richtig anfühlen, egal wie freundlich, unbefangen oder gut gemeint sie sind. Mein Körper, meine Grenze, mein Nein. (Über „gut gemeint“ könnte ich einen ganzen Artikel schreiben, da öffnen sich Abgründe.)

Ich gehe wirklich sehr gern zum Kieser-Training – und schaffe es trotzdem nicht so häufig, wie ich möchte. Auch das darf so stehen bleiben, ohne schlechtes Gewissen. Vorsatz und Realität dürfen sich unterhalten, ohne dass ich mich dazwischen zerreibe.

Ich muss keinen Sport machen, der mir nicht liegt, nur weil er gerade angesagt ist. Wenn Crossfit mich schon beim Gedanken daran überfordert und Tanzen mich glücklich macht, tanze ich.

Die Zeit nach den Wechseljahren ist eine ganz neue Ära. Da bin ich ganz bei Greta Silver, die sagt, die Zeit zwischen 60 und 90 ist genauso lang wie die Zeit zwischen 30 und 60, da können wir sie auch bewusst genießen. Ich muss nicht meiner Jugend nachweinen. Die will ich gar nicht zurück, wenn ich ehrlich bin.

Ich muss meinen Körper nicht optimieren, ich darf ihn einfach wertschätzen, genießen und bewohnen. Er ist ein Kunstwerk der Natur, das mir täglich gute Dienste leistet und für mich läuft, leistet, verstoffwechselt, warnt, heilt. Dafür belohne ich ihn mit Körperliebe und artgerechter Kleidung. Und spreche freundlich mit ihm.

Ich muss mich nicht kleiden, wie es mein Umfeld tut. Blazer und Bluse funktionieren für meine Proportionen schon seit Menschengedenken nicht. Darin sehe ich verkleidet aus. Blazer und T-Shirt mit Jeans und Stiefeln ist eher meins. Manch anderes wieder ist mir zu lässig. Um mich professionell zu fühlen, trage ich gern etwas „Angezogeneres“ als etwas, das diese Sofa-und-Netflix-Ausstrahlung hat. Es kommt auf die Tagesverfassung an – will ich heute unauffällig sein, oder mag ich schillern? Manchmal liebe ich es, underdressed zu sein, und gelegentlich ist auch das Cocktailkleid in der Eckkneipe ein großer Spaß!

Die Autorin steht grinsend in einem petrolfarbenen Kleid und Gummistiefeln mit Totenköpfen und Rosen vor einer Wiese. Sie hält einen roten Schirm in der Hand.
… oder auch Gummistiefel zum Kleid

Grenzen und Werte

Ich muss nicht immer effizient sein – mit dem Baby spazierengehen, dabei alle möglichen Termine abklappern und noch einkaufen. Ich kann auch einfach mit dem Baby durch die Straßen schlendern, Bäume gucken, Vögeln lauschen, Graffiti bewundern, Wolken fotografieren. Effizienz ist ein Werkzeug, kein Lebenszweck.

Und schon gar nicht muss ich raten, was jemand von mir möchte, um unausgesprochene Bedürfnisse oder Wünsche zu erfüllen. Sprecht, Leute, und ihr werdet gehört! Erwartungen kommen vom Warten. Wenn ich etwas von anderen erwarte, kann ich manchmal lange warten. Und umgekehrt. Ich muss nicht wissen, was andere sich von mir wünschen. Wir sind alle schon groß und können reden. Denke ich.

Enttäuschungen sind die Folge von Täuschungen. Ich enttäusche dich nicht aktiv; enttäuscht zu sein ist deine freie Entscheidung. Ich finde das langweilig und nutze lieber meine anderen Möglichkeiten.

Ich muss nicht zu allem Ja sagen. Nein ist ein wundervoller und kompletter Satz.

Ich muss kein Nein erklären. Kann ich aber. Tue ich auch häufig, weil du mir am Herzen liegst.

Mein Nein schont meine Ressourcen. Wenn etwas für mich nicht passt, ist das keine Ablehnung dir gegenüber.

Ich muss mir keine ungebetenen Meinungen oder Belehrungen anhören. Wer mich beurteilen oder maßregeln will, tut das auf eigene Gefahr und darf sehr gern seinen Gesprächsbeitrag für sich behalten.

Ich muss nicht bei amazon oder TEMU umwelt- und menschenschädlichen, kurzlebigen Mist bestellen, um schnellstmöglich vermeintliche Bedürfnisse zu befriedigen. Auf etwas zu warten oder es lokal zu kaufen, dabei ein Gespräch mit der Beraterin oder dem Verkäufer zu führen, erzeugt ganz andere Schwingungen. Und ich tue etwas für die Wirtschaft vor Ort.

Ich muss nichts tun, was meinen Werten zuwiderläuft. Weder im professionellen noch im privaten Bereich.

Spiritualität, Persönlichkeit, Entwicklung

Ich muss meine persönliche und spirituelle Entwicklung nicht schönreden oder verschweigen, um sie missliebigen Zeitgenossen schmackhaft zu machen. Mein Horizont, meine Seele, meine Entscheidungen. Mein Weg ist nicht zwangsläufig deiner. Und umgekehrt. Wir können uns weiter liebhaben, solange keine von uns verurteilt, was die andere tut.

Solange ich niemandem damit schade oder die öffentliche Ordnung störe, darf ich ausprobieren, was immer ich gern ausprobieren möchte.

In den meisten Situationen, in denen ich mich ohnmächtig fühle, bin ich es gar nicht und merke es nicht sofort. Nicht jeder Trigger muss zur Zündung des ganzen Trauma-Feuerwerks führen. Mittlerweile bin ich mir der Freiheit im Raum zwischen Reiz und Reaktion bewusst.

„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“
Viktor Frankl, Psychiater und Begründer der Logotherapie

Ich habe einen ziemlich schwarzen Humor, den viele nicht verstehen. Muss auch nicht jeder. Wer lacht, lacht mit mir, der Rest amüsiert sich woanders.

Ich liebe es, die weise Ältere zu sein. Ich muss mich meines Alters nicht schämen – im Gegenteil. Jetzt bin ich diejenige, die Familiengeschichten und Lebenserfahrung teilen darf, das genieße ich sehr!

Die Natur und ich

Ich muss die Natur nicht beherrschen, erobern oder bezwingen, um sie zu genießen. Meine Wiesenrunden mit Pferden, Enten und anderen Tieren genügen mir völlig – kein Gipfelsturm, nur Natur, lebendige Eindrücke, und der Kopf wird ganz von selbst frei.

Manche Naturphänomene machen mich ganz andächtig. Die schier grenzenlose Weite auf Amrum, die Wolkenspektakel, kleine Vögel, die mit mir zu laufen scheinen (oder laufe ich mit ihnen?) macht mich sprachlos. Da muss ich gar nichts, einfach nur mit dem Flow des Lebens gehen, innehalten, staunen und diese Naturwunder in mich aufnehmen.

Nur das, was der Wind bewegt, ist zu hören.

Ich muss nicht jede Auseinandersetzung, die sich im Kreis dreht, bis zum Exzess ausdiskutieren. In den meisten Situationen hilft es, in die Natur zu gehen, auch gemeinsam. Durch die Eindrücke, die andere Luft, die Düfte und die Bewegung werden andere Perspektiven wieder möglich. Das nutze ich auch in meinem bewährten und beliebten Walk-and-Talk-Coaching. Du kannst es selbst ausprobieren. Selbstverständlich musst du nicht. Es kann dich deutlich weiterbringen.

Und jetzt du

Diese Liste ist nicht fertig, und ich glaube, sie wird es nie sein – sie wächst, während ich weiter MÜSSENs entrümple. Vielleicht packt es dich gerade auch, und du merkst, da ist so vieles, was du überhaupt nicht musst. Befreie dich, indem du einen Artikel zu meiner Blogparade „Einen Scheiß muss ich“ schreibst; du bist herzlich eingeladen.

Vielleicht merkst du auch gerade, wieviele Dinge in deinem Leben herumwabern, die sich wie Muss anfühlen und in Wahrheit die Konsequenzen einer Entscheidung sind. Wenn du magst, schauen wir uns das gemeinsam an: Lass uns schnacken – in einem kostenlosen 15-Minuten-Gespräch finden wir heraus, wo bei dir noch entrümpelt werden darf.

Ich freue mich, von dir zu lesen, zu sehen, zu hören!

1 Kommentar zu „Einen Scheiß muss ich – und was stattdessen bleibt“

  1. Ach Silke, meine weise, wunderschöne und wunderbare Bloggerfreundin. Ich hab immerzu nur „Ja, Ja, Ja!“ gedacht, als ich Deine lange Liste las. So viel Inspiration ist da wieder drin, soviel Wortwitz und ganz viel Tiefe!

    Ich bin geehrt, dass ich Deiner illustren Blogparadenrunde mitspiele. Nein, nicht darf. Es war ja meine eigene und höchst bewusste Entscheidung.

    Ich bin sooo dankbar, dass uns das Bloggen und Newslettern verbindet und danke Dir sehr fürs Vorangehen in so vielen Lebensbereichen. So wunderbar weise möchte ich auch mal sein, wenn ich in Deinem heutigen Alter bin.

    Eine Freundin erzählte mir neulich, sie sammelt Vorbildfrauen, die ihr Lust und Freude aufs Altern machen. Und Du kommst jetzt (offiziell) auf diese Liste für mich. Denn die Idee finde ich grossartig. Und nein, Du musst da nix. Gar nix. Ich setz Dich einfach auf die Liste, damit ich einen Anker habe für mich.

    Danke für den wunderbaren Text, Deine Blogparade und all unser gemeinsamen Lachen, Witzlen und Tanzen neulich im echten Leben. Du tust mir gut. Und das gefällt mir.

    Danke für Dich, liebe Silke.

    In herzlichster Verbindung und mit liebsten Grüsse
    Christine aus der Schweiz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen
WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner