Eine winterliche Schnee-, See- und Dünenlandschaft mit einem Haus am Horizont, Gräsern, blauem Himmel und dem Titeltext: Entschleunigung und was sie für mich bedeutet

Entschleunigung – mein Beitrag zur Blogparade Ernte und Dank

Entschleunigung, Achtsamkeit, Wellness – diese und weitere Schlagwörter kann ich nicht mehr so gut hören Überall umfluten und umtosen sie mich. Auf die Einladung zur Blogparade Ernte und Dank der Multipotentialistin stoße ich zufällig und folge ihr, weil sie mich mitten im Rennen erwischt. Plötzlich, wahrscheinlich ist es meiner aktuellen und seit einer Weile anhaltenden Lebenssituation geschuldet, übt das Wort Entschleunigung eine ungeheure Anziehungskraft auf mich aus. Schon länger fühlt es sich für mich an, als jagte ich meinem Leben hinterher, ohne dass wir eine gute gemeinsame Zeit hätten. Und das missfällt mir. Ich arbeite daran. Meine Sportuhr objektiviert meine Wahrnehmung und zeigt mir, was meine Body Battery auflädt. Zum Beispiel das Bloggen, das erdet mich und bringt mich in Kontakt. Mit mir und anderen. Das ist ja schon mal was. Aber sehen wir uns das mal genauer an.

Was Entschleunigung für mich persönlich bedeutet

Wenn ich über das Wort Entschleunigung nachdenke, fallen mir automatisch Gaspedal und Bremse ein. Seit über einem Jahr fahre ich häufiger Auto (sonst fast nur in öffentlichen Verkehrsmitteln), daher mag es kommen. Dieses Phänomen, schnell und schneller sein und werden zu wollen, mehr zu bieten, zu leisten, zu können, ergreift in unregelmäßigen Abständen von mir Besitz. Selbst wenn ich mir vornehme, Dinge langsam angehen zu lassen, kommt häufig der Punkt, an dem ich versuche, mich selbst zu überholen und in einem Tempo weiterzurennen, das mir nicht entspricht. Da steht der Fuß auf dem Gaspedal. Auf der Autobahn fahre ich, wenn ich nicht aufpasse, doch 140 und mehr Stundenkilometer fahre, weil es die Verhältnisse hergeben, weil anscheinend alle es tun, weil ich mich im Sog der Schnellfahrer mitreißen lasse. Genauso renne ich manchmal für mein Business oder auch privat los, als müsste ich alles, was es zu reißen gibt, in kürzestmöglicher Zeit erledigen.

Wenn ich entschleunige, bremse ich sanft. Meistens jedenfalls. Es kann auch eine abrupte Notbremsung sein, wenn ich mich gar zu sehr verrenne und verrenke. Ein inneres Stoppschild, an dem alles zum Stehen kommt, vor allem mein nimmermüdes Hirn, das unausgesetzt überlegt, wie es sich und anderes optimieren kann. Wozu eigentlich optimieren? Was ist so falsch an dem Wort GENUG? Ich bin aufgewachsen mit einem großen Leistungsbewusstsein. Wenn ich leiste, werde ich anerkannt und geliebt. Die Schulnote AUSREICHEND reicht nicht aus. SEHR GUT, allenfalls GUT, ist gut genug. Tief in mir hockt dieser Glaubenssatz, nicht gut genug zu sein, noch immer und lacht sich ins Fäustchen, wenn ich unbewusst mal wieder auf ihn reinfalle.

Entschleunigung bedeutet für mich Ruhe für mich selbst und meine Gedanken. Bedenken können, was ich denken, tun, anstoßen will. Statt seelenlos durch mein Leben zu rasen, wieder im Moment anzukommen und ihn zu erleben. Das ist mein großes Ziel, daran arbeite ich. In der Natur gelingt es mir häufig, zu entschleunigen.

Was macht Entschleunigung gerade für Stadtmenschen so wichtig?

In der Stadt sind wir einer permanenten Reizüberflutung ausgesetzt. Früher las ich während meiner S-Bahn-Fahrten zur Arbeit und zurück ein Buch nach dem anderen. Heute muss ich mich mit Noise-Cancelling-Kopfhörern vor den zur Normalität gewordenen Facetime-Gesprächen Mitreisender schützen. Ich halte es nicht aus, pausenlos fremde Gespräche anhören zu müssen, und ich habe es aufgegeben, um das Verschieben der Gespräche in den privaten Raum zu bitten. Der Großteil der Bahnfahrer scheint einen wohlgefüllten S-Bahn-Wagen für privat genug zu halten. So höre ich mittlerweile häufiger Hörbücher, die mich wunderbar entschleunigen, weil ich mit ihrer Hilfe in eine andere Welt abtauche.

Beim Einkaufen läuft Musik, und überall werden Werbe-Jingles und -Videos gespielt. Suche ich im Baumarkt nach einer Silikonspritze, stellt mir auf einem kleinen Bildschirm ein Mensch im karierten Hemd einen Spezialreiniger vor. Manchmal möchte ich schreiend wegrennen, aber wohin? Gefühlt ist es überall laut, voll, ohne die Möglichkeit, Distanz zu wahren.

Ein Austernfischer in der Nordsee
Einfach mal einen Austernfischer beim Rennen beobachten

Umso wichtiger finde ich es, in die Natur zu gehen, zu walken, zu rennen und Stille und Entschleunigung zu suchen. Im Wald den Duft der Nadelbäume und das Pilzige des Herbsts zu riechen, am Wasser meditativ langsam Steine anzusehen, hochzuheben, umzudrehen, ihre unterschiedliche Textur zu fühlen. Eine schöne Flechte oder eine Blüte zu bewundern. Auf kleine Geräusche zu hören, von raschelnden Blättern, plätschernden oder rauschenden Gewässern, Summen, Quaken, Piepen, Singen, Krächzen von Tieren. Hingabe an die Umgebung zu leben, in der wir uns in diesem Moment bewegen. Die Verbindung zur Natur heilt und entschleunigt und stärkt für das laute, umtriebige Stadtleben.

Welche Rolle spielt Entschleunigung bei dem Informationsüberfluss, dem wir ausgesetzt sind?

Die Informationsflut, die um uns herum tost, ist schier unendlich. Suchmaschinen und Künstliche Intelligenz finden so gut wie alles für uns, Nachrichtenkanäle dröhnen uns voll mit Schlagzeilen, meist negativ. Es wird immer schwieriger, möglichst viele Sachverhalte und Zusammenhänge zu durchdringen und einen gesunden eigenen Weg durch die Medien zu finden.

Auf Social Media scheinen so viele besser, weiter, höher zu fliegen. Unerreichbar, Wenn wir entschleunigen, sehen wir uns näher an, welche Informationen wir wirklich brauchen, welche Ziele wir selbst wirklich erreichen wollen. Es ist furchtbar, wo überall Kriege geführt werden, aber wenn ich mich über jede noch so kleine Änderung informiere, macht mich das mit kaputt. Ich kann protestieren, spenden, unterschreiben, unterstützen, aber keinen der aktuellen Kriege beenden. Vielfach verzichte ich auf Nachrichten, weil sie mich nicht weiterbringen, mich in verzweifelte Überlegungen stürzen, ohne dass sie meine Handlungsfähigkeit erhöhen. Langsamer und weniger Informationen aufzunehmen ist hier eine Art der Entschleunigung.

Was ich tue und was es mir bringt, in meinem Alltag weniger Gas zu geben

Ich versuche zu denken, bevor ich handele, um in meinem Alltag weniger Gas zu geben. Mich nicht aktionistisch in etwas hineinzustürzen und stattdessen erst einmal zu überlegen.

Dinge langsamer anzugehen ist für mich vorteilhaft, wenn ich einen neuen Menschen kennenlerne, der in Erwägung zieht, dieses Kennen zu intensivieren. Als ich noch sehr jung war, stürzte ich mich nicht nur einmal schnell in eine Freundschaft oder Beziehung oder das, was wir so nannten, und das Ganze war schon in den Anfängen zum Scheitern verurteilt. Da bin ich heute langsamer, und das tut mir richtig gut. Auch Geschäftsbeziehungen ging ich manchmal schnell ein, wenn mich der Arbeitgeber wollte. Ich ließ mir gar nicht die Zeit zu prüfen, ob ich dieses Unternehmen für mich geeignet fand. Entschleunigung beim Überlegen führte zur Trendwende: Heute suche ich mir bewusst aus, für wen ich arbeiten möchte, und es ist mir wichtig, einen Sinn in meiner Tätigkeit zu finden. Mit einem Sinn in meinem Tun bin ich glücklich und dankbar.

Die Autorin in bunter Winterkleidung, zufrieden lächelnd vor verschneiten Dünen. Das Lächeln zeigt ihre Freude an der Entschleunigung.
Entschleunigung macht glücklich

Meine Tochter, zum Thema befragt, gibt mir einen weiteren wichtigen Hinweis: Für sie gehört zur Entschleunigung auch zu akzeptieren, etwas Geplantes nicht zu schaffen, weil man für etwas anderes länger braucht oder sich länger dafür Zeit nimmt. Das finde ich auch sehr schön. Wenn ich diese Entschleunigung annehmen kann, bin ich im Flow mit dem, was ich gerade tue. Wenn ich im Flow bin, entspannt sich mein Sonnengeflecht, und es breiten sich Ruhe und Frieden in mir aus.

„Es gibt Wichtigeres im Leben, als beständig dessen Geschwindigkeit zu erhöhen.“

Mahatma Gandhi

Winterliches Sonnenuntergangslicht am menschenleeren Strand mit einer großen flachen Welle am Sandstrand
Entschleunigt auf die perfekte Welle im perfekten Licht warten können ist ein großes Geschenk.

4 Kommentare zu „Entschleunigung – mein Beitrag zur Blogparade Ernte und Dank“

  1. Wie schön, dass auch du hin und wieder der Langsamkeit frönst! 🙂
    Die Natur spielt dabei auf jeden Fall eine wichtige Rolle. Auf meinen täglichen Spaziergängen komme ich jedenfalls zur Ruhe – und meine Laune bessert sich spürbar.
    Noise-Cancelling-Kopfhörer werde ich mir auch noch zulegen müssen. Mittlerweile gibt es immer mehr Situationen, in denen ich mir wünsche, ich hätte welche…
    Eine hoffentlich besinnliche Adventszeit wünsche ich dir.
    Liebe Grüße
    Anne

    1. Liebe Anne,
      dankeschön für deine freundliche Rückmeldung! Ohja, Entschleunigung finde ich fein, vor allem, wenn mir alles zu viel ist.
      Der Regen vermatscht mir schon länger meine Lieblingeswege, das ist etwas frustrierend, denn sonst renne ich hier stundenlang durch den Wald. Da bin ich aber seit einem unglaublichen Stunt etwas behutsamer und bleibe oft auf den festeren Wegen.
      Noise Cancelling kann echt Notwehr und Trost sein, kann ich wärmstens empfehlen.
      Es wird besinnlich, bestimmt. Das wünsche ich dir auch.
      Liebe Grüße
      Silke

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