Eine Tonschüssel mit einem sehr appetitlich angerichteten Reisgericht, oben im Bild ein rotes Banner mit weißer Schrift: Weihnachten mitten im Sommer.

Weihnachten mitten im Sommer

Susanne Heinen hat mich zum zweiten Mal eingeladen, für ihren Blog-Adventskalender etwas zu schreiben – das freut mich riesig! Beim ersten Mal, vor zwei Jahren, ging es um den wahren Geist von Weihnachten, dieses Mal ist Nähe das Oberthema. Meine erste Idee war, meine Vorstellungen von Nähe zu definieren. Doch das haben Susanne und Julia in diesem Adventskalender bereits ganz wunderbar getan. Deshalb erzähle ich dir eine kleine Geschichte von unverhoffter menschlicher Nähe, die ich vor vielen Jahren erleben durfte.


Es gibt Momente im Leben, die sich plötzlich vertraut anfühlen, als würde jemand die Welt für eine Weile langsamer, offener, weicher stellen. Solche Momente bleiben. Manchmal werden sie zu Erinnerungen, die in uns weiterklingen. Einer davon ist mir mitten im Sommer passiert – und hat sich angefühlt wie Weihnachten.

Als ganz junge Frau wohne ich in Kassel und absolviere dort meine Ausbildung. Ich lebe allein, und auch wenn Kassel meine Geburtsstadt ist, bin ich neu in der Stadt. Bevor ich dort „richtig“ wohne, komme ich aus dem Umland zu Besuch: mit meiner Mutter zum Einkaufen oder mit der Familie, um Onkel, Tanten und Großeltern zu sehen.

Eine der vielen schönen Ecken Kassels

Stück für Stück entdecke ich nun „mein“ Kassel. Ich lasse mich treiben, stromere mal durch diese Gasse, mal über jenen Platz. Ich erkunde die Karlsaue und andere Parks der Stadt, den Weinberg, die Innenstadt. Oft bin ich in meinen Mittagspausen draußen unterwegs und sehe neugierig und offen in die Gesichter der Menschen, die von Geschäft zu Geschäft eilen, durch die Stadt schlendern oder auf Mäuerchen sitzen.

Eines Tages komme ich mit einem jungen Mann ins Gespräch; wir haben einander zuvor schon häufiger gesehen und uns nickend gegrüßt.

Von da an unterhalten wir uns öfter. Er ist verletzt aus dem Libanon nach Deutschland gekommen, besucht in Kassel eine Schule und hat ein privat vermietetes Zimmer gefunden. Sein Deutsch ist schon recht gut, und er lernt mit großem Ehrgeiz weiter. Wir sprechen über vieles, auch über die Kriege im Libanon und die Ausbombung Kassels im Zweiten Weltkrieg.

Karim – so heißt er – ist sehr allein in Kassel, in Deutschland. Ihm fehlen Freundschaft und Nähe zu anderen Menschen. Gleichzeitig ist er großzügig und möchte Schönes teilen. Eines Tages fragt er mich ganz vorsichtig, ob ich ihn vielleicht besuchen würde; er würde so gern ein Gericht aus seiner Heimat für mich kochen. Ich denke kurz nach und sage zu. Ein Termin ist schnell gefunden.
Mich berührt, wie wichtig ihm diese Einladung ist – und wie schüchtern er fragt.

In der Woche darauf fahre ich nach der Berufsschule in den Stadtteil Bettenhausen, wo ich sonst nie bin. Eine Freundin leiht mir ihr Auto, die Adresse ist schnell gefunden. Karim kommt aus dem Haus geeilt, um mich freudig zu begrüßen, und auch seine Zimmerwirtin ist da. Sie erzählt mir, wie sehr sie sich freut, dass er Besuch bekommt, was für ein „ordentlicher junger Mann“ er sei und wie viel Mühe er sich mit dem Kochen und allen Vorbereitungen gegeben habe.

Ich trete ein und sehe den einfach und sorgfältig gedeckten Tisch. Karim hat sich viele Gedanken gemacht und aus seinen bescheidenen Mitteln alles herausgeholt. Es duftet köstlich und ein wenig fremd nach warmem Essen: ein arabisches Gericht mit Hackfleisch, Gemüse und Reis. Ich rieche Zimt, Kardamom, Muskatnuss und andere wunderbare Gewürze. Heute verrät mir die Suchmaschine, dass es vermutlich das libanesische Siebengewürz war – zu meiner Erinnerung würde das gut passen.

In einer schönen Tonschüssel steht das Essen vor uns. Ich bin hungrig und neugierig. Karim ist ziemlich aufgeregt und fest entschlossen, mich nicht hungrig gehen zu lassen. Es schmeckt mir hervorragend, doch ab dem dritten Nachschlag muss ich ablehnen – ich kann einfach nicht mehr.

Wir reden lange. Auch die Zimmerwirtin, zu der Karim ein sehr gutes Verhältnis hat, setzt sich zwischendurch dazu. Gemeinsam verbringen wir eine gemütliche, fröhliche Zeit mit vielen Gesprächen über ganz unterschiedliche Themen. Es fühlt sich fast wie Familie an – so selbstverständlich, wie wir beieinander sind.

Als ich nach Hause fahre, bin ich beschwingt und bereichert. Ich denke: Dieser Nachmittag war wie ein Weihnachtsgeschenk.
Was ich erleben durfte, war so viel mehr als Essen: unerwartete Nähe, geschenktes Vertrauen, Angenommensein, ein vorbehaltsloses Miteinander und Leichtigkeit.

Noch heute, Jahrzehnte später, spüre ich manchmal unvermittelt die Wärme dieses Nachmittags.

5 Gedanken zu „Weihnachten mitten im Sommer“

  1. Nähe entsteht oft durch ein bewusstes zulassen.
    ein „ja“.

    und Essen hilft, gepaart mit einem offenen Ohr.
    genau solche bereichernde Begegnung kann ich bestätigen aus der Zeit, als ich ehrenamtlich bei der Flüchtlingshilfe tätig war.

    danke, dass du uns hast teilhaben lassen

  2. Liebe Silke,

    Dankeschön, dass Du diese schöne Erinnerung für den Adventskalender geteilt hast. Beim Lesen kann ich mich richtig hineinfühlen und kann gut verstehen, dass Dir diese Stunden immer noch im Gedächtnis sind. Es wäre auch ein guter Stoff für einen Roman, denn man fragt sich, wie es wohl weiterging mit dem höflichen Karim, der netten Zimmerwirtin und dieser jungen Silke, die gerade in Kassel das eigenständige Leben entdeckt😉.

    Alles Liebe zu Dir
    Susanne

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