2 Arbeitsplätze, 5 Umzüge und unendlich viel Natur
Rückblicke, Persönliches / von Silke Geissen / 17. Januar 2026
Nach Amrum gehen, auf einer Insel leben – ein Lebenstraum von mir, der nach jedem Amrum-Urlaub etwas dicker auf meiner Bucket List steht. 2024 tue ich es einfach. Nicht, weil ich einen Mutausbruch plane, einfach weil es sich folgerichtig anfühlt.
Ich habe versucht, meine Amrum-Zeit in meinen Jahresrückblick 2025 zu integrieren. Es hat nicht funktioniert. Sie sprengt den Rahmen – innen wie außen. Deshalb bekommt die Insel ihren eigenen Rückblick.
1. Warum Amrum?
Meine Beweggründe beschreibe ich ziemlich gut in meinem Artikel „Empty Nest mal anders – Mutter will Meer“. Die Kurzfassung: Ich verliebe mich mit 29 zum ersten Mal in diese zum Weinen schöne Nordseeinsel. Danach komme ich immer wieder, und am Ende eines Urlaubs im April 2024 frage ich mich aus tiefstem Herzen, ob ich nicht einfach ganz hier leben kann.
Diese Frage lässt mich nicht mehr los.
Gleichzeitig tut sich in Hamburg etwas: Meine Tochter Anne und ich sind seit vielen Jahren ein sehr enges Zweierteam. Wir haben Diagnosen, Unfälle, Krankenhausaufenthalte, eine Pandemie, Mobbingepisoden und einen holprigen Berufsstart überlebt – alles miteinander. Unser Verhältnis ist liebevoll, nah, manche nennen es symbiotisch. Anne ist im 2. Ausbildungsjahr; ich bin selbstständig und sehe mich gerade nach einem kleinen Job um. Das könnte auch auf Amrum sein, denke ich mir. Es fühlt sich reif an, einige Wege getrennt zu gehen. Wie erwachsene Kinder und ihre Eltern das so tun.
Die Idee:
Ich ziehe nach Amrum, mindestens für ein Jahr, denke ich mir. Wenn es gut ist, darf es auch länger sein; das Haus in Hamburg bleibt unser sicherer Hafen. Anne bleibt dort wohnen, baut ihr Berufsleben aus – und ich teste die Insel.
Zwischen der ersten Idee im Frühling 2024 und dem Umzug im September passiert unfassbar viel. Und mindestens genauso viel in den neun Monaten auf der Insel – bis Juni 2025.
2. Dreamteam, auch auf Distanz: Anne und ich
Anne ist von Anfang an mit im Boot. Das Haus in Hamburg bleibt unser gemeinsamer Fixpunkt, und die Rollen verschieben sich leicht: Ich gehe weg, sie bleibt da. Das ist neu.
Wir planen zusammen, was ich mitnehme und was auf der Insel neu dazukommt. Wir durchforsten Hamburgs Kleinanzeigen, schleppen Stühle, Tische und Geschirr mit öffentlichen Verkehrsmitteln, gelegentlich auch mit Shared Cars, durch die Stadt. Anne schafft es, einen ausziehbaren Esstisch in einen Bus zu bugsieren, während ich auf einem rosa Polsterstuhl in einem anderen Bus quer durch Hamburg fahre. Für uns ist das normal – wir haben schon Weihnachtsbäume auf diese Weise transportiert. Auf manche Mitfahrende wirkt es recht ungewöhnlich.
Als ich zum Probearbeiten auf die Insel fahre, stirbt am zweiten Tag unser Kätzchen Lotta. Anne kommt zu mir nach Amrum, damit sie nicht allein in Hamburg trauern und ich meinen Einsatz nicht abbrechen muss. Wir weinen gemeinsam und errichten an einem Baum eine kleine Gedenkstätte. Lotta bekommt einen schönen Platz in einem kleinen Inselwäldchen.

Beim Probewohnen – dazu später mehr – reist Anne wieder mit: schwer bepackt, logistisch durchgeplant. Genauso selbstverständlich mischt sie beim eigentlichen Umzug auf die Insel mit. Später kommt sie immer wieder zu Besuch: Meist setzt sie sich nach der Frühschicht im Krankenhaus in die Bahn, nimmt die letzte Fähre und ist abends müde, aber glücklich bei mir. Wir laufen kilometerweit über die Insel – manchmal einfach so, manchmal um Flohmarktsachen abzuholen, weil der Busfahrplan im Herbst eher symbolischen Charakter hat.
Über Weihnachten ist Anne bei mir. Ich muss arbeiten, also kommt sie einfach nach, hilft ein bisschen, plaudert mit Gästen. Am 1. Weihnachtstag habe ich frei. Traditionell liegen wir dann den ganzen Tag im Schlafanzug herum, schauen Weihnachtsfilme, essen und basteln. Dieses Jahr zwinge ich sie bei dichtem Nebel an den Strand. Widerwillig stapft sie mit. Es ist gespenstisch schön – und danach machen wir es uns wieder auf die klassische Weise gemütlich.


Im Laufe der Zeit verliebt Anne sich, ist häufiger mit ihrem neuen Partner zusammen, ist zeitweise selbst krank, kann nicht reisen – und ist überraschend schwanger, mit allen denkbaren Nebenwirkungen. Trotzdem schraubt und sortiert sie bei meinen späteren Umzügen geduldig mit, verpackt empfindliche Dinge, ordnet zerlegten Möbeln die richtigen Schrauben zu.

Zwischendurch gönnen wir uns immer wieder kleine Insel-Feste:
Kuchen im Friesen-Café zu meinem Geburtstag, köstliches Essen in Oomes Hüs, köstlich-fiese Fertig-Pancakes bei mir zuhause, Eis bei Carlo. Jedes Mal fühlt es sich an wie eine Mini-Auszeit im großen Abenteuer.

3. Arbeiten I – der Kliniktraum und die ersten Zeichen
Mein erster Anruf auf der Insel ist ein Volltreffer: Ich melde mich bei einer großen Kurklinik und frage nach Beschäftigungsmöglichkeiten. Man bietet mir eine Stelle im Patientenmanagement an – genau mein Ding, denke ich.
Ich fahre hin, wir laufen gemeinsam über das wunderschön gelegene Klinikgelände, sprechen über Arbeitsinhalte, Perspektiven, Gehalt. Ich besichtige Dienstwohnungen und entscheide mich für eine. Wir sind uns einig, und kurz darauf landet ein Vorvertrag in meinem Postfach, mit dem ich sehr gut leben kann. Ich beginne, den Umzug zu planen und die ersten Möbel zu kaufen.

Dann der erste Dämpfer:
Noch bevor der endgültige Vertrag fertig ist, bekomme ich einen Anruf. Die Position werde doch nicht frei, und die Wohnung sei anderweitig vergeben.
Ich bin mit Kopf und Herz schon so sehr auf Amrum, dass ich nicht auf die Idee komme, das als erstes Zeichen zu interpretieren, dass es vielleicht doch nicht sein soll. Stattdessen biege ich ab: Es gäbe noch Bedarf im Servicebereich, weiß ich. Mit meiner studentischen Gastro-Erfahrung sei das doch machbar, denke ich.
Es folgt ein langes Telefonat mit dem Leiter des Servicebereiches, wir werden uns einig, ein neuer Vertrag kommt. Als alles unterschrieben ist, werde ich unsicher – und bitte um Probearbeit. Im Juli 2024 ist es so weit. Nach drei Schichten auf den Beinen habe ich so starke Schmerzen, dass ich tagelang kaum laufen kann. Das zweite Zeichen? Ich erzähle mir, dass es mit der Routine besser wird. Meine Orthopädin versteht meinen Wunsch nach Amrum und verschreibt mir Kniebandagen.
In dieser Zeit stirbt unsere Katze Lotta. Ob ich das als drittes Zeichen hätte sehen können? Vielleicht. Aber da bin ich schon im Tunnel.
4. Inselalltag in der Klinik
Im Herbst fange ich an. Ich arbeite mit Gästen, lerne Abläufe, hangele mich durch die Dienste, gewöhne mich an Kolleginnen, von denen manche offen skeptisch sind. Viele Inselverliebte fangen dort an und gehen wieder – irgendwann wollen einige Alteingesessene sich auf neue Menschen gar nicht mehr so richtig einlassen. Kann ich verstehen. Es macht es nicht leichter.
Mein Körper protestiert weiterhin. Ich muss viele Pausen liegend verbringen, um überhaupt weiterarbeiten zu können. An guten Tagen gehe ich zwischen Früh- und Spätschicht durch die Dünen nach Hause. Dieser Arbeitsweg ist pures Gold: Sand, Wind, Licht. Ich genieße jeden Meter und jede Sekunde davon. Jedes Mal bin ich dankbar für dieses Geschenk, das ich mir selbst mache.

An freien Tagen erwandere ich die Insel, bis ich nicht mehr kann:
durch nebelige Dünentäler, in denen Fasanen tröten,
an der Wattseite entlang, wo unendliche Vogelschwärme aufsteigen,
um die Odde herum, der Nordspitze, wo Robben und Kormorane ihre Ruhe genießen,
durch die Wälder, zur Vogelkoje, wo der Kuckuck ruft,
über den Kniepsand, der mich Raum und Zeit vergessen lässt.

Ich denke: Vielleicht ist das der Preis. Vielleicht gewöhnt der Körper sich irgendwann.
Er tut es nur begrenzt.
Gerade als ich das Gefühl habe, ein bisschen angekommen zu sein, vertraut mit den Abläufen, ein Stück integriert – werde ich nicht übernommen.
5. Arbeitssuche im Inselstil
Pflichtbewusst melde ich mich arbeitslos – zuständig ist die Agentur in Niebüll. Zum Glück gibt es einen Online-Termin. Der Berater ist verständnisvoll, kennt die Insel mental und bestätigt, was ich schon ahne: Klassische Bewerbungswege funktionieren hier kaum. Es geht über Kontakte, Empfehlungen, Persönliches.
Ich will auf jeden Fall auf Amrum bleiben. Also gehe ich los.
Und zwar wörtlich:
Ich marschiere über die Insel oder fahre auf meinem geliehenen eBike – und stelle mich gefühlt überall vor: bei der Amrum-Touristik, bei zwei der drei Bürgermeister, im Schwimmbad, im Spa, im Kino, in diversen Einzelhandelsgeschäften. Ich veröffentliche ein Jobgesuch bei Amrum-News und werde von der Wirtin eines meiner Lieblingsrestaurants eingeladen. Wir verstehen uns gut – aber ohne Wohnung nützt der beste Job nichts.
Wohnungen sind auf der Insel wie Hauptgewinne im Eurojackpot. Ich telefoniere mit potenziellen Vermietern, spreche mit der Apothekerin, dem Fahrradverleiher, der Kassiererin im Supermarkt, der Bäckerin. Wenn jemand selbst keine Wohnung zu vergeben hat, frage ich, ob jemand etwas weiß. So höre ich in Norddorf von einer leerstehenden Wohnung und gehe zum Bürgermeister, weil er an der Verwaltung beteiligt ist – leider ohne Ergebnis. Sie muss ausgeschrieben werden, und als das passiert, bin ich gerade zwischen zwei Jobs, ohne angemessenen Einkommensnachweis.
Einen Job finde ich trotz meines unermüdlichen Einsatzes nicht.
Was ich finde: einen beeindruckenden Bekanntheitsgrad. Petra sagt später, sie fühle sich in meiner Begleitung wie das Groupie eines Rockstars. Das ist lustig – und ich bin stolz auf meinen Mut und meine Energie.
6. Arbeiten II – Campingplatz, Shop und eine Entscheidung
Die Rettung auf Zeit kommt über Petra. Sie ist mitverantwortlich für das Personal auf einem Campingplatz und fragt, ob ich dort im Shop arbeiten und auf dem Platz wohnen möchte.
Im ersten Moment erscheint es mir völlig abwegig – ich habe seit meiner Jugend eine ausgeprägte Camping-Aversion. Wenige Tage später ist es Realität: Ich muss die Klinikwohnung räumen, alle Bewerbungen sind erfolglos oder noch unbeantwortet. Der Shop-Job ist noch da.
Die Arbeit macht mir Spaß.
Das morgendliche Brötchen- und Croissant-Backen, der Kontakt mit überwiegend entspannten Gästen, die kleine Campingplatzwelt.

Aber: Zwei Tage pro Woche reichen finanziell nicht. Ich bewerbe mich weiter, habe gute Gespräche – und bekomme Absagen.
Parallel wird Anne in Hamburg ungeplant schwanger und entscheidet sich klar für ihr Kind.
Mit jedem Tag wirkt es absurder, krampfhaft an der Insel festzuhalten.
Meine Sehnsucht sagt: Bleib.
Mein Verstand sagt: Geh zurück.
Ich höre schließlich auf den Verstand – und vielleicht auch ein bisschen auf meinen Körper.
7. Bevor alles losgeht: Probewohnen und Improvisationskunst
Die ursprünglich zugesagte Wohnung fällt wegen einer bevorstehenden Sanierung weg. Eine einzige Klinikwohnung ist frei – ich bekomme ein Video geschickt und finde sie ganz schrecklich. Man versichert mir, sie sei in natura viel besser. Das will ich sehen und fühlen. Immerhin werde ich dort den Winter verbringen, da möchte ich es drin schön haben.
Anne und ich fahren im August 2024 nach Amrum, wir dürfen direkt in der Wohnung übernachten. Vorab habe ich über eine lokale Facebook-Flohmarktgruppe einiges organisiert: ein Bett, Stehlampen und diverse Kleinteile aus früheren Personalhaushalten. Auf einer Insel mit hoher Personalfluktuation gibt es erstaunlich viele nahezu neuwertige Sachen. Wir können alles am Samstag abholen, deswegen übernachten wir am Freitag in unserem Stammhotel, dem Haus Amanda am Watt.

Unser Gepäck ist legendär:
je ein großer Koffer, eine Stofftasche, ein Rucksack.
Darin: Decken, Bettzeug, Kissen, Koch-Basics, Teller, Tassen, Gläser, ein Topf, eine Pfanne, ein paar Gewürze, Tee, eine Bialetti, ein Milchaufschäumer, ein Akkuschrauber, Wolldecken, Waschzeug, Schlafzeug.

Ich habe außerdem vorab eine Grundausstattung bestellt: einen Minibackofen, Reinigungs- und Spülmittel, Tücher, ein kleines Besteckset und ein Sammelsurium an Haushaltshelfern.

Das Bett holt ein Klinikmitarbeiter mit Lieferwagen ab. Er spricht nur Russisch, wir verständigen uns über ein Übersetzungstool. Zu dritt wuchten wir das Bett die engen Treppen hoch. Am Nachmittag fährt Anne mit mir im Bus zu Petra, um Stehlampen abzuholen; wir sitzen lange mit ihr auf der Terrasse bis zum nächsten Bus zurück. Später treffen wir eine Frau mit einer wolkenweichen Matratzenauflage, die wir im Waschkeller gerade noch rechtzeitig vor dem Schlafengehen waschen und trocknen.
Improvisieren können wir.
Wenn du Expertinnen für spontane Aktionen suchst: hier sind wir.
Im späteren Inselalltag versuche ich, möglichst viel lokal zu kaufen: bei Elektro Isemann in Norddorf oder Pütt un Pann in Wittdün. Im Winter wird es schwer – Isemann macht eine lange Pause. Amazon versuche ich zu vermeiden, schaffe es aber nicht vollständig.
8. Umzüge und Wohnen – die kleine Umzugs-Odyssee
Umzug Nr. 1: Hamburg → Amrum
Ein Umzugsunternehmer, der Amrum offenbar als Abenteuerurlaub betrachtet, bringt meine Sachen auf die Insel. Er verspricht viel, hält wenig – und am Ende ist glücklicherweise alles da.
Die Wohnung entspricht so gar nicht der, für die ich die Möbel ausgesucht hatte. Ich finde sie potthässlich: enge Dachschrägen, ein Flur, den ich nur „Tunnel“ nenne. Ich stoße mir ständig den Kopf und schramme mir die Schultern auf. Die erste Wohnung war schlicht, weiß, schwarz und Holz. Diese hier ist beige-braun-gelb und uralt. Deswegen nehme ich unsere cremefarbenen Stühle aus Hamburg mit. Die bunten Sitzmöbel lasse ich dort, und Anne freut sich.

Seltsamerweise gelingt es mir, die Wohnung kuschelig zu machen. Gleich beim Einzug bekomme ich kostenlos ein gemütliches Oma-Sofa. Durch die Dachfenster sehe ich Sonnenauf- und -untergänge, Polarlichter, Krähenversammlungen. Nach meinem winzigen Schlafzimmer in Hamburg ist das großzügige, hohe Zimmer ein echtes Geschenk. Und nachts leuchten mir die Sterne auf die Füße.




Umzug Nr. 2: Klinikwohnung → Strandkorbhalle und Wohnwagen
Als klar wird, dass mein Vertrag nicht verlängert wird, muss ich die Wohnung Anfang April räumen. Die Zeit wird knapp. Ich brauche eine Übergangslösung.
Möbel lassen sich schlecht in einem Campingwagen stapeln, also telefoniere ich mich durch Handwerksbetriebe und frage nach Lagerplätzen. Keine Chance. Dann fällt mir ein: Strandkorbhallen! Einer der Betreiber lässt sich überzeugen, mir ein paar Kubikmeter zu vermieten. Wir vereinbaren Miete und Zeitraum.
Eine Kollegin und ihr Partner helfen Anne und mir, die Möbel durch den Tunnelflur und auf einen Transporter zu hieven. Dieser Umzug wühlt mich so auf, dass ich mich danach fühle, als hätte ich Drogen genommen. Ein paar Eindrücke landen direkt in einem Blogartikel über genau diesen Tag. Anne zieht mich heute noch auf mit meiner seltsam ekstatischen Begeisterung damals!
Ich verschenke mein Sofa, packe den Rest für den Wohnwagen oder für Pakete nach Hamburg. Ein erneuter Komplettumzug mit Firma wäre derart teuer, dass es fast sinnvoller wäre, alles in Kartons zu verschicken.

Umzug Nr. 3: In die Campingwagen-Welt
Was nicht in der Strandkorbhalle landet, kommt mit in den Wohnwagen. Anne ist immer noch da. Wir fahren mit dem Linienbus und mit Petras Camper hin und her. Wohnwagen und Vorzelt werden voll, voller, irrwitzig voll. In zwei Monaten schaffe ich es nicht, echte Ordnung herzustellen.
Ich merke schnell: Das wird nichts mit dem Campinghasser-Heilprogramm. Ich bin permanent „im Dienst“ – um mich herum sind Kolleg:innen und Gäste, mein Wohnwagen steht mitten im Geschehen, und der Zustand des Wagens selbst ist… naja: ausbaufähig.

Umzug Nr. 4: zurück nach Hamburg
Als ich mich zur Rückkehr entscheide, suche ich nach Umzugsunternehmen mit Inselerfahrung und finde einen Anbieter, der Sammeltransporte macht. Das drückt die Fährkosten, die sonst enorme Teile der Rechnung ausmachen.
Der Lkw holt zuerst die großen Möbel aus der Strandkorbhalle und aus dem Wohnwagen. Ich kann die Sachen kaum vor Ort verkaufen – allein die Terminlogistik zwischen Campingplatz und Strandkorbhalle wäre eine Vollzeitstelle. Also geht alles mit.
Am Abreisetag stopfe ich Bettdecken und Kissen ins Handgepäck, das fast platzt, und stapele unzählige Dinge in riesige Pakete. Einen Teil bringe ich mit einem geliehenen E-Bike zur Post. Spontan übernimmt ein Kollege mit großem Auto den Rest – eine riesige Entlastung. Mike, du bist ein Schatz!
Die Surflehrer aus dem Nachbarzelt bringen mich und meine wackelige Sackkarre voll Gepäck zur Fähre. In Dagebüll zerlege ich den Gepäckberg auf dem Bahnsteig und nehme der Sackkarre viel Gewicht, damit ich alles bewegen kann.

In Hamburg fädele ich meine Inselbeute wieder in unseren Haushalt ein. In meiner Abwesenheit hat Anne einiges ersetzt, ich habe Neues gekauft – zwei halbe Haushalte müssen zusammenwachsen: unter anderem drei Betten, zwei Esstische, fünf Salz- und Pfeffermühlen, zehn Stühle. Dazu der wachsende Babyfundus. Wir verschenken, verkaufen, entsorgen. Es ist immer noch zu viel. Wir sind vermutlich noch über den Jahreswechsel und über das Jahr 2026 damit beschäftigt.
9. Menschen – leise Annäherungen
Ich bin realistisch genug, nicht anzunehmen, dass irgendjemand auf Amrum auf mich gewartet hat. Die Inselwelt ist eher vorsichtig – besonders die echten Inselfriesen. Das kenne ich schon von Föhr aus Studienzeiten.
Ich dränge mich nicht auf, nicke, spreche kurz an der Kasse, an der Bushaltestelle. Mit der Zeit gibt es den ein oder anderen längeren Schnack, ein Lächeln. Und dann diesen einen Moment, in dem ich merke: Jetzt bist du nicht mehr ganz fremd. Dieses Gefühl ist so kostbar!
In der Klinik sind da Kolleg:innen, mit denen ich gern rede – zunächst eher aus anderen Bereichen, später auch in meinem eigenen Team. Trotz allem Widerstand und dem Wissen, dass viele „Neulinge“ nicht lange bleiben.
Beim Gebrauchtwarenhandeln lerne ich Petra kennen; von ihr bekomme ich zwei Stehlampen und quatsche mich fest, zusammen mit Anne. Nach unserem ersten Treffen schreibt sie mir, sie habe in meinem Blog gelesen, und das sei alles so spannend, darüber wolle sie mehr hören. Wir treffen uns oft, reden viel. Kein einziges Foto existiert von uns – wir haben es schlicht vergessen.
Dann ist da Jörg, der freundlichste Busfahrer aller Zeiten. Alle kennen ihn, alle mögen ihn – wir auch. Irgendwann gehen wir zusammen Kuchen essen und verplaudern einen ganzen Nachmittag. Mit Jörg Bus zu fahren macht einfach gute Laune. Anne lässt ihm eine Mütze anfertigen, die ziemlich genau beschreibt, wie er wahrgenommen wird.

Auf dem Campingplatz lerne ich Doris kennen, Saisonkraft aus Berlin. Sie kommt täglich in den Shop, holt Kaffee und die heiß geliebten Zimtschnecken. Wir sind in unserer Altersklasse eher Exotinnen auf dem Platz und schenken uns immer gern Umarmungen für den Oxytocinspiegel. Wenn unsere Dienste es zulassen, sehen wir uns auch außerhalb der Theke. An einem der letzten Abende stehen wir zusammen auf dem Bohlenweg in den Dünen, unsere Schatten lehnen sich aneinander, und über uns färbt sich der Himmel. Ein schöner Abschied.

10. Atemberaubende Inselnatur – der eigentliche Grund
Und damit zum Herzstück meiner Amrum-Sehnsucht: die Natur.

Ich kann mich an dieser Insel nicht sattsehen: an Wolken, Dünen, Heide, Watt, Vögeln, Salzwiesen. Der Himmel hängt so hoch, der Strand ist so weit, der Wind so präsent, dass ich mich gleichzeitig klein und vollkommen richtig fühle.



In all meinen Urlauben war ich bisher in Wittdün, einmal in Nebel. Norddorf, wo ich gut sechs Monate lebe, ist neu für mich – und wird sofort zur großen Liebe. Meine Wohnung grenzt direkt an die Dünen. Ich muss nur aus der Tür fallen und stehe auf dem Bohlenweg Richtung Aussichtsdüne, Himmelsleiter, Strand.




Ich komme mitten in den letzten Ausläufer der Heideblüte hinein – die Insel leuchtet. Von der Klinik aus sehe ich die Salzwiesen: Rinder, unzählige Vögel, die Gräser, die im Wind rascheln. Für mich ist das alles Teil einer Amrum-Symphonie aus Wind, Wellen, Quaken, Kreischen, Schnattern, Rauschen.


Es gibt Momente, die bleiben:
- die Himmelsleiter hinaufklettern und oben von der Aussicht überwältigt sein
- Polarlichter, die mich nachts vor meinem Dachfenster überraschen
- Sanderlinge, die wie kleine weiße Pfeile vor den Wellen und vor mir davonlaufen
- Austernfischer, die – stets korrekt in Schwarz-Weiß gekleidet – jubilieren und mein Herz erfreuen
- Sonnenaufgänge, die den Himmel in Schichten färben
- ein Kuckuck, der im Wald der Vogelkoje ruft, und eine Möwe, die mich dort lange begleitet
- Kaninchen, die direkt vor meinem Vorzelt sitzen, wenn ich morgens den Reißverschluss öffne
- ein Kenkenboom als typischer Weihnachtsschmuck im Dorf
- eine Eiderente im Wasser, mit der ich ganz allein bin

Die Insel ist rau, widerspenstig, wunderschön. Und ich fühle mich in all dem – trotz Unsicherheit, trotz Umbrüchen – geborgen, verbunden, richtig.
11. Zeichen verstehen – warum ich zurück bin
Im Rückblick sehe ich eine Reihe von Zeichen:
- Die erste Stelle wird doch nicht frei.
- Der Körper schreit bei der Probearbeit laut „Nein!“.
- Unsere Katze Lotta stirbt mitten in der Entscheidungsphase.
- Der Campingwagen als Heilmittel gegen Campinghass erweist sich als genau das Gegenteil.
- Egal wie sehr ich mich bemühe, ich finde keinen körperfreundlichen Job und keine Wohnung.
Damals wollte ich all das nicht hören. Ich bin froh, dass ich trotzdem nach Amrum gegangen bin – und genauso froh, dass ich irgendwann auch wieder zurückgegangen bin.
Hamburg ist jetzt richtig. Anne braucht Unterstützung, ein Baby kommt, mein Körper braucht andere Arbeitsbedingungen, und ohne verlässliche Wohnung bleibt das Leben auf der Insel fragil.
Ich gehe also weg. Nicht im Sinne von Scheitern. Eher kann ich sagen: Experiment erfolgreich, tolle Erfahrung gewonnen.

12. Was bleibt?
Ich habe herausgefunden, wie es ist, auf einer Insel zu leben – mit all den romantischen Bildern und all der sehr unromantischen Logistik. Ich weiß, wie sich 5 Umzüge in 9 Monaten anfühlen. Ich kenne die Insel als Touristin, als Patientin, als Mitarbeiterin, als Arbeitsuchende, Campingplatz-Mitarbeiterin und Abschiednehmende.
Ich weiß jetzt:
- Amrum ist nicht nur Kulisse, sondern auch ein harter Ort, wenn es um Wohnungen, Arbeit und Gesundheit geht.
- Die Natur dort trifft mich jedes Mal mitten ins Herz.
- Meine Beziehung zu Anne hält auch Distanz, Sturm, Trauer und Freude aus – und wächst daran.
- Ich war mutig, habe durchgehalten, Schönes und Schmerzliches erlebt.
- Nicht nach Amrum gegangen zu sein ist nichts, was ich auf dem Sterbebett bereuen werde.
Ich habe Amrum als Wohnort losgelassen.
Als Sehnsuchtsort hat es weiter einen festen Platz in meinem Herzen.
Und wenn ich bald wieder an den Strand meiner Herzensinsel gehe, weiß ich:
Ich habe hier nicht nur Urlaub gemacht.
Ich habe hier ganz echt und wirklich gelebt.
Und ich würde es wieder tun.




Danke, dass du uns noch einmal mitgenommen hast. Das war definitiv eine Erfahrung. Und diese Bilder… schön.
Liebe Christine,
danke. Ich kann gar nicht so viele Bilder einstellen wie ich gern würde. Gefühlt habe ich noch Millionen!
Bestimmt wird sich immer mal wieder eins in einen Artikel verirren.
Ganz liebe Grüße zu dir
Silke
Liebe Silke
ich mag Deinen Blick auf Amrum sehr, aus der Dir heute möglichen Perspektive. Und hab mich am meisten gefreut, dass Du bald wieder dort sein wirst. So schön!
In Deinem Artikel steckt so viel Weisheit, so viel Reflexion, so viel annehmen und so viel Wärme. Das hat mich alles sehr sehr berührt.
Ja, wir wissen nur ob etwas geht, wenn wir es wagen. Deshalb ist der Weg den Du und Amrum zusammen gegangen seid so ein gutes Symbol für das Leben an sich.
Und ja, ich bin auch #teambuch. Das wäre eine grosse Bereicherung. Und auch die Reise zum Buch kann ich mir bei Dir sehr gut vorstellen.
In herzlicher Verbindung und mit liebsten Grüssen aus der Schweiz
Deine Christine
Liebe Silke,
rein vom Gefühl her halte ich es für möglich, dass Amrum noch einmal zu Dir zurückkommen wird. Nicht nur als Urlaubsort. Vielleicht auch nicht als Wohnort. Aber irgendwas wird Dir diese Insel noch sagen. Vielleicht wird sich eine der Erkenntnisse, die Du für Dich mitgebracht hast, als richtungsweisend entpuppen oder oder. Nur so ein Gefühl. Es fehlt noch ein Epilog zu Deiner Amrum-Geschichte. ( Ich kann es nicht besser ausdrücken, hoffe aber, Du verstehst mich trotzdem)
Wie auch immer – es war toll, dass Du das gemacht hast. Keine Erfahrung ist je umsonst. Und diese Erfahrung hat Dir auch viele Momente gegeben, die Du mit Dir trägst. Und das nicht bedauern zu müssen, finde ich auch sehr wichtig.
Liebe Grüße
Britta
Liebe Britta,
danke für deinen schönen Kommentar. Auf jeden Fall sind da wichtige Erkenntnisse mitgekommen. Auf jeden Fall werde ich NOCH stärker als bisher auf Zeichen achten und auf kleine zweifelnde Stimmchen hören, bevor sie mir die Trommelfelle erschüttern. Ich glaube, für den Epilog bin ich noch nicht weit genug weg, ein wenig rumort es noch. Und fragt sich, ob es nicht doch so oder anders hätte klappen können. Ich bin sehr gespannt, wie es für mich sein wird, Ende April wieder als Touristin dazusein, so ganz normal.
Ich verstehe, was du meinst, dass da noch was kommt. Das denke ich auch.
Liebe Grüße
Silke
aaaah! Endlich schreibst Du über Amrum – wunderbar – und danke für Deine ehrliche Reflexion. Die Fotos sind übrigens ein Traum. Ich liebe sie. Alle.
Und der Tunnel – den kenne ich leider auch. Wir Menschlein sind schon seltsame Wesen. Wenn wir etwas wollen, gibt’s kein Halten mehr. Was für ein Learning.
Es war ein Experiment, obwohl es nicht als solches gedacht war – und Du hast es gemeistert, bist daran gewachsen, und kannst jetzt immer wieder und ganz entspannt zu Deiner Lieblingsinsel reisen.
Übrigens habe ich einer Freundin, die die Idee hat, auf Sylt zu ziehen und zu arbeiten, von Deiner Erfahrung erzählt. 😉
Nochmal Danke für Deinen wertvollen Einblick, liebe Silke
LG Marita
Liebe Marita,
danke für deinen schönen Kommentar. Ohja, der Tunnel … was wir uns alles schönreden, Himmel!
Ich freue mich jetzt auch schon richtig auf den nächsten Amrum-Urlaub Ende April.
Sylt ist nochmal ganz anders, das hat ja eine Festlandverbindung. Da entfällt fast der Inselcharakter. Fast. Schwierig ist es dort bestimmt auch, vor allem die Wohnraumsituation. Und was es mit einem macht, wenn die Wohnung an einen Job gekoppelt ist, DAS hätte ich mir vorher nicht gedacht – zumal ich ja davon ausging, dass es genug Fluktuation gibt, dass sie mir irgendwann den Zugang zu einem anderen, mir körperlich gemäßeren Arbeitsfeld ermöglichen würde.
Auf jeden Fall bin ich jetzt schlauer, das kann ja nie schaden.
Liebe Grüße
Silke
Liebe Silke,
ich kann das so verstehen. Diese Insel ist wirklich so unsagbar schön und ich habe damals deine Blogposts mit verfolgt und hätte es dir so gegönnt, dass du dort für immer hättest bleiben können. Es ist wirklich ein Unterschied, ob ich an einem Ort mal Urlaub gemacht oder dort gelebt habe. Und dein Organisationstalent und dein Durchhalten, aber auch dein Loslassen haben mich sehr bewegt und beeindruckt.
Denke für diese Extrazusammenfassung!
Liebe Grüße
Angela
Liebe Angela,
danke für deine schöne Rückmeldung. Du sagst es, auch wenn ich mir darüber im Klaren war, dass ich natürlich nicht jeden Tag ausgiebig durch die Dünen schlendern und dann vielleicht etwas essen und nochmal losgehen könnte, war es dann „in echt“ nochmal eine Nummer anstrengender. Das Schöne ist: die Schönheit bleibt. Und der nächste Urlaub ist gebucht.
Im Nachhinein finde ich mich auch mutig; als ich gesprungen bin, war mir das gar nicht so bewusst.
Liebe Grüße
Silke
Liebe Silke,
ich habe all deine Blogartikel und Newsletter gelesen, in denen es um Amrum ging. Und trotzdem war es schön und interessant, jetzt noch einmal deinen Rückblick zu lesen.
Nach wie vor bin ich ja der Meinung, dass es wunderbar wäre, wenn du deine Amrum-Erfahrung und Amrum-Liebe in Buchform veröffentlichen würdest. Ich würde es sofort kaufen, obwohl ich (bisher noch) überhaupt keinen Bezug zu Amrum habe. Aber ich lese deine Texte einfach so gerne und würde mich über eine höhere Dosierung sehr freuen.
Alles Gute
Ilka
Liebe Ilka,
was für ein wunderbares Kompliment, danke! Ich werde ein Buch in Betracht ziehen, dann kann ich auch noch mehr von der wunderschönen Natur zeigen.
Liebe Grüße
Silke