Gestresst durch FOMO*? Da hilft nur noch JOMO*!

Silke Geisen sitzt am Schreibtisch, vor sich viele Papierstapel und den Laptop, und hält sich den Kopf mit beiden Händen
FOMO im kritischen Stadium!

Was ist eigentlich FOMO?

FOMO ist ein Akronym für „Fear Of Missing Out“ – die Angst, etwas zu verpassen. Das können Treffen sein, zu denen wir nicht eingeladen sind, in beruflichen und in privaten Kontexten. Es können Weiterbildungsmöglichkeiten sein, ohne die wir glauben, nicht gut genug aufgestellt zu sein für das persönliche, professionelle, spirituelle Fortkommen. Es können auch Bücher sein, die MAN GELESEN HABEN MUSS, um mitreden zu können. Die sozialen Medien verstärken diesen Effekt extrem, weil wir überall etwas sehen, wo wir nicht dabei waren, sein können, sein sollen, und es verstärkt unsere Unsicherheit bis hin zu depressiven Stimmungen und anderen Krankheitssymptomen.

Die schreckliche Angst, etwas zu verpassen

Plötzlich ist es wieder so weit. In einem meiner Netzwerke weist eine Frau auf einen kostenlosen Wochenkurs zum Theme digitale Miniprodukte hin, in einem anderen taucht der Link zu einer Business-Farbenchallenge auf. Zu dem Zeitpunkt bin ich bereits in einem Acht-Wochen-Programm zum Thema Bloggen und Erstellen meiner Website, das mir enorm wichtig ist, und ich habe noch Nacharbeiten zu einigen anderen Kursen.

Ich weiß, dass Vorbilder von mir wie zum Beispiel Judith Sympatexter Peters und Steffi Zährl, die Reklamedame, aber auch Mit-Netzwerkerinnen, die sich auf einem ähnlichen Weg befinden wie ich, von Top-Business-Coach Sigrun coachen ließen oder lassen. Schon recherchiere ich und bekomme nun auch Einladungen von Sigrun zugeschickt und könnte an mit Sicherheit hilfreichen Programmen teilnehmen.

Als Motivationscoach will ich auf großen Bühnen stehen (meine Vision enthält einen TED-Talk), dafür brauche ich natürlich Greator-Werbung, die ich sehe, wann immer ich meine Feeds auf Social Media lade. Ach ja, ein Vision Board habe ich auch noch nicht, habe noch keinen inneren Zugang dazu bekommen, wo doch ALLE erfolgreichen Menschen NUR durch Manifestieren ihrer Visionen mithilfe von Vision Boards so erfolgreich geworden sind. Oh, da wird ein Vision Board-Workshop angeboten, was für ein Zufall!

Die Früchte der FOMO – was passiert?

Ganz klar: ich bin total überbucht!
Drei Programme, die sich in einer Woche komplett überlappen,
vier verschiedene Veranstaltungen, die über dasselbe Wochenende verteilt sind,
meine Website, die ich in diesen Wochen endlich fertigstelle, um meine Coachees besser als bisher zu erreichen..

Wenn ich zwischendurch etwas anderes tun und denken will, arbeite ich an meiner Produktpalette, die ich ausweiten möchte, und an meinen Papieren und Finanzen, zu denen ich Kurse bei meiner allerersten und immer wieder aufgesuchten Vorbildfigur und lieben Wegbegleiterin, Alexandra Graßler alias Wissensagentur, belegt und im Ergebnis nicht ganz fertiggestellt habe. Nur wenn ich ALLES fertig habe, kann ich richtig arbeiten. Oder?

Darf’s noch etwas mehr sein?

Weitere tolle Angebote trudeln in meinem Mailpostfach ein: die ultimativen Kurse für erfolgreiche Onlinekurse, für mein richtiges Money Mindset, meisterliche Kenntnisse, um Instagram, Facebook, Pinterest etc. zu bespielen. Es werden Ernährungsoptimierungen für Businessfrauen angeboten, Sport-Coaches möchten sich meiner annehmen, Hilfe!

Das Ergebnis: ich stehe da mit all meiner Erfahrung aus Leben, Arbeit, Studium und Weiterbildung, fühle mich klein und ungenügend und glaube, nur mit all diesen Angeboten, all diesen Programmen kann ich auf dem Markt etwas erreichen. FOMO-Alarm!

Was macht FOMO mit mir?

Ich fühle mich ungeliebt, ungewollt, ungenügend, ausgeschlossen. Die Freunde haben bestimmt ein tolles Wochenende, eine großartige Party, einen schönen Ausflug ohne mich. Im Meeting werden sicher bahnbrechende neue Erkenntnisse geteilt, von denen ich nichts wissen soll, während ich nur zu den langweiligen Orga-Meetings eingeladen werde.

Ich bin also noch mehr in Social Media, sehe Bilder von Menschen, die ich kenne, mit Freunden, Familie, im Urlaub. Ich poste Bilder von mir allein im Wald, allein an der Elbe, allein im Garten, melde mich bei weiteren Kursen und Challenges an. Ich überdenke meine Tagesstruktur und finde vermeintliche Lücken, in die ich noch weitere Kurseinheiten stopfen kann. Für meine persönlichen Inseln wird es knapp. Kein Tanz-Workout, keine längere Strecke mit dem Fahrrad, nur meine persönliche Bauchmuskel-Challenge und ab und zu eine kleine Runde zu Fuß, damit ich nicht ganz sportlos bin.

Die Gedanken beginnen zu kreisen, und ich denke, ich hätte bei dieser oder jener Gelegenheit schon vorher mehr, besser, hilfreicher sein müssen. Ich bin also nicht genug. ALLE haben diese und jene Praktika, Fortbildungen, Kurse absolviert, DIE ANDEREN sind unterhaltsamer, umgänglicher, spannender, JEDER weiß mehr als ich. Ich fühle mich saumäßig.

Wie komme ich da jetzt wieder raus? JOMO statt FOMO!

JOMO, unverkennbar auch ein Akronym, steht für „Joy of missing out“, die Freude am Verzicht, am Nicht-Dabeisein. Letztlich ist es die freie Entscheidung, eigene Prioritäten zu setzen. Natürlich sind all die Kurse toll und inhaltsreich, und sehr wahrscheinlich wird auch jeder davon etwas Neues für mich bieten. Aber doch bitte nicht alle auf einmal! ALLE diese Angebote wird es so oder ähnlich wieder geben. Es wäre schön, jetzt zusammen mit anderen Netzwerkerinnen, die ich schon kenne, dabei zu sein, aber auch das kann sich immer wieder ergeben.

Für mich ist es wichtig und heilsam, mich zu entscheiden, was JETZT UND HIER für mich gut ist. Zu Ende zu bringen, was ich engagiert und ambitioniert angefangen habe und auch fertigstellen möchte. Mich in dem zu festigen, was ich kann und mich auf das zu konzentrieren, womit ich schon lange in die Welt gehen kann. Genug Zeit zu haben, auch Dinge für mich zu tun, die mir zweckfrei gut tun, auch wenn ich meine Arbeit liebe.

Was mache ich mit der privaten FOMO?

Gute Frage. Ich habe nicht DIE beste Freundin, keine feste Mädelsrunde, und dank Corona finden meine Chorproben schon lange nicht mehr statt. Das reduziert mein Veranstaltungsprogramm sehr, wie das aller anderen. Ich gehe viel spazieren und bin mir dabei meist genug. Draußen verändert sich die Natur gerade jetzt im Frühjahr rasant, und ich wohne in einer schönen Gegend mit vielen Wiesen, Wald, Feldern, Pferden, Kühen, Wild. Ich kann an die Elbe gehen und im eigenen Garten werkeln. Ich habe wunderbare Interessen wie Malen, Bloggen, meine persönliche Interpretation von Minimalismus weiter vorantreiben, um nur einige zu nennen.

Ich habe liebe und verlässliche Freunde, mit denen ich chatten oder telefonieren kann, mit denen ich mich verabreden kann. Die meisten haben mehr familiäre Verpflichtungen und Bindungen als ich, so dass ich nicht an erster Stelle auf ihrer Liste stehe, wenn es um die Freizeitplanung geht, aber wenn ich anfrage, kann ich immer kommen, mich verabreden, Besuch haben. Vielleicht nicht am nächsten Tag, aber innerhalb der nächsten Woche geht immer etwas.

All das sind Sicherheiten, die ich um nichts in der Welt missen möchte. In ganz akuten FOMO-Phasen, die meist vorbei sind, kaum dass ich sie wahrgenommen und angesprochen habe, scheint es, als könnte ich nichts, hätte keine Freunde und wäre unendlich einsam.

Wenn meine Coachees Ähnliches berichten, arbeite ich – wie auch bei mir selbst – gern mit Reframing, wobei ich die Situation hinterfrage und in einen anderen Kontext setze. Vieles, was andere unternehmen, will oder kann ich vielleicht gar nicht tun. Mit manchen Leuten will ich gar nicht über viele Stunden oder gar Tage zusammen sein. Es ist so wichtig, sich das in den dunklen Stunden zu vergegenwärtigen, wenn das Everybody-but-me-Syndrom gnadenlos zuschlägt.

Hilfreiche JOMO-Tools

Manchmal merken wir nicht rechtzeitig, wenn es uns in die Tiefe reißt, wenn die FOMO wieder von uns Besitz ergreifen möchte.
Kleine Helfer sind zum Beispiel

  • Dankbarkeitstagebücher – wenn ich jeden Tag einige Kleinigkeiten aufschreibe, die das Leben schön sind, kann ich das im Akutfall lesen
  • Gläser mit über die Zeit gesammelten Zettelchen – auf jedem steht eine Idee für etwas Stärkendes, das irgendwann schon mal geholfen hat
  • eine Kontaktliste von den echten Freunden
  • wenn es gerade ganz hart ist und niemand erreichbar, die Seelsorge anrufen
  • ein schöner Podcast mit passendem Thema
  • Lieblingsmusik

Ein mit Bindfaden umwickelter Tücheraufhänger, an dem mit kleinen Holzwäscheklammern Gute-Laune-Postkarten befestigt sind.Mir hilft die Natur fast immer. Und Bewegung. Ein Regenspaziergang in voller Schietwetterklamotte mit heimlichem Pfützenhüpfen, eine wütende Radfahrt über eine längere Strecke, ein langer schneller Spaziergang an der Elbe, ein gemächliches Eintauchen in den Wald. Ein Dance-Workout auf Youtube kann Wunder wirken, da gibt es richtig viele.
Vor ein paar Tagen habe ich eine verwaiste Tuchaufhängung für den Kleiderschrank genommen, Mini-Holzklammern, und eine Gute-Laune-Collage aus Postkarten zusammengeklammert, die jetzt innen an meiner Schlafzimmertür hängt und mich morgens gleich erfreut.

Silke Geissen sitzt an ihrem ordentlichen Schreibtisch und zeigt strahlend ein "Daumen hoch" zum Ende der FOMOUnd wenn dann die Gedanken sortiert sind, die FOMO eingedämmt und die Welt wieder ein bisschen mehr gerettet ist, sieht das so aus:



*) FOMO: Fear of missing out (die Angst, etwas zu verpassen)


*) JOMO: Joy of missing out (die Freude, etwas sein zu lassen)

11 Kommentare

  1. Liebe Silke, bisher kannte ich den Begriff noch nicht, der Zustand allerdings ist mir sehr bekannt. Früher war es ein Dauerzustand der mich in den ungesunden Spagat zwischen zuviel und zuwenig brachte, meine Depression füttert und mir die Kraft raubte. Heute passiert mir das reinrutschen in diesen Zustand wesentlich seltener, aber er passiert (und ja, Auslöser ist oft das Herumturnen auf social media). Ein paar Tage Abstinenz sind da hilfreich und die Rückbesinnung auf das was ich wirklich will und das ist in erster Linie entspannte Freude am Leben. Mich eben nicht mehr vom Perfektionismus treiben und klein machen lassen sondern ganz unperfekt die Dinge mit Freude tun. Das Coach-Dasein ist eine Rolle, die ich mir ausgesucht habe, in, vor und hinter der Rolle bin immer noch ich. Unperfekt, suchend und inzwischen auch wissend wie beschränkt all mein Wissen immer sein wird, egal wie viel ich noch lerne. Da ist die Freude ein guter Anker. Unperfektes Tun, das aber voller Freude.
    Danke für diesen Artikel.
    Liebe Grüße Sylvia

    1. Oh Sylvia, da sagst Du etwas ganz wunderbares – „…inzwischen auch wissend, wie beschränkt all mein Wissen immer sein wird, egal wieviel ich noch lerne…“ – das trifft es so perfekt – danke für diesen Impuls! Ich versuchte gerade, mich an anderen Angebotsseiten zu orientieren, um meine zu erstellen….schwieriges Thema!
      „Better done than perfect“ ist auch wirklich mein Mantra.
      Ganz liebe Grüße,
      Silke

  2. Liebe Silke
    Endlich bist du online! Ich freue mich sehr und gratuliere zu deiner Seite.

    In deinem Artikel erkenne ich mich sehr gut wieder.
    Deine Gedanken könnten meine sein.
    Ich kenne das gut. Danke für deine Offenheit und deine Tipps und Anregungen.

    Mach bitte weiter so, ich lese dich unglaublich gerne.

    Ich wünsche dir noch viele Spaziergänge im Regen, an der Elbe und viele Neuerkenntnisse auf deinem Weg.

  3. Hallo liebe Silke,
    dein Beitrag gefällt mir total gut. Und ich kann gut nachvollziehen, wovon du schreibst. Für mich war es auch ein Prozess, zu meiner heutigen Gelassenheit zu finden, darauf zu vertrauen, dass alles gut ist und ich nichts verpasse. Heute macht es mich sogar richtig happy, dass ich nicht bei allem HIER schreie und die Nase vorn haben muss.

  4. Liebe Silke,

    Schön, auf den Punkt gebracht. Daran werde ich denken, falls ich mich mal wieder verzetteln sollte und einfach irgendetwas absagen und mit freuen, dass ich da frei habe. Ich hoffe dir gelingt es auch. Und Du brauchst gewiss nicht mehr so viele – und schon gar nicht alle gleichzeitig -, um gute Blogs zu schreiben.

    Liebe Grüße in Norden

    Ines

  5. Ein toller Artikel liebe Silke! Ich coache auch in Leipzig zur Zeit und habe “Fomo” ohne das Wort zu kennen schon oft in meinen Gesprächen gecoacht. Ich selbst bin mit One Step at a time – kleine Schritte und klarer Zielsetzung immer weit gekommen. Schön geschrieben mit viel Bezug zur eigenen Realität. Danke!

    1. Vielen Dank für deine Anerkennung, liebe Eva! Schritt für Schritt ist mit Sicherheit der beste Weg, da stolpern wir auch nicht über die eigenen Füße.
      Liebe Grüße nach Leipzig!

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