Schafe, die sich unter einem Baum vor großer Hitze schützen. Oben im Bild ein blaues Banner mit weißer Schrift: Ich möcht ein Schaf auf Amrum sein – wirklich?

Von einer, die auszog, die Freiheit zu finden

„Ich möcht ein Schaf auf Amrum sein“, das ist ein Buchtitel, den es wirklich gibt. Ein Bildband mit Geschichten und Gedichten, liebevoll gestaltet und mit Glück noch antiquarisch erhältlich. Daran musste ich kürzlich denken, als ich im WhatApp-Status meiner Freundin Ilka Schafe sah, zusammengekuschelt im Schatten eines Baumes, der Hitze entkommen. So wie die Schafe beim Seezeichenhafen in Wittdün, an denen ich unzählige Male vorbeigegangen bin, in vielen Amrum-Urlauben genauso wie in der Zeit, als ich dort leben durfte. Diese Schafe liebe ich. Sie rennen und hüpfen, mal hängen sie ganz eng zusammen, dann liegen sie einzeln verstreut auf der großen Wiese. Wenn es windig ist, rotten sie sich zusammen, um einander zu wärmen, während der Wind ihre Wolle zerzaust.

Ein zottiges Mutterschaf steht mit fünf Lämmchen unter einem Baum.
Schafe im Wind

Sie SIND einfach. So wie die ganze Insel mit ihrer erhabenen Natur. Die Schafe, die Austernfischer, die vielen Brut- und Rastvögel, die durchreisen, sich in riesigen Schwärmen niederlassen, Eier legen und ausbrüten und weiterziehen, wenn der Nachwuchs sicher genug fliegen kann. Über ihnen der Himmel, neben und unter ihnen das mal ruhige, mal tosende Meer und der endlose Sand des Kniepsands, seines Zeichens größter Badestrand Europas.

Silke Geissen kommt in einem rot-weiß-geringelten T-Shirt und einer hochgekrempelten Jeans ans Ufer, strahlend, durch die Wellen streifend.
Meer macht glücklich

Beim Anblick der Schafe hatte ich kurz eine Erinnerung an Wind in den Haaren und Salz auf der Haut, an den Blick über die wunderschönen Salzwiesen und die einzigartig lebendige Wattseite der Insel, die Bohlenwege und so vieles, was Amrum so besonders macht. Den Ruf der Eiderenten, die für mich so klingen wie feine ältere Damen, denen überraschend ein leichtbekleideter schöner Mann unter die Augen tritt. Die Fasane, die sich anhören, als riefen sie in rostige Dosen hinein. Und meine heißgeliebten Austernfischer, wenn sie trillern und jubilieren. In mir regte sich Sehnsucht.

Ein Austernfischer stolziert durch flaches Wasser, das glasklar ist und Sonnelicht reflektiert.
Austern fischen mit Lichtspielen

Beim tieferen Reinfühlen in die Sehnsucht merke ich, es ist nicht das Leben, das ich auf der Insel geführt habe und das, was ich eigentlich gern gehabt hätte. Es ist diese Freiheit, diese Bedingungslosigkeit, mit der ich losgegangen bin. Diese Absichtslosigkeit meiner Bewegung auf der Insel, das Sich-auf-den-Weg-machen für nichts. Und das Erleben, dass ich überall, egal welche Richtung ich einschlage, in der Natur bin.

Hier in Hamburg laufe ich selten ohne Grund los, nicht einfach um des Laufens willen. Unterwegs zu sein hat meist einen Zweck. Ein Einkauf, etwas im Sanitätshaus abholen, zum Arzt gehen. Zu Kieser gehen. Ich liebe es sehr, dort zu trainieren. Trotzdem ist es einer von vielen Terminen mit zweckgebundener Bewegung.

Das wird jetzt kein Amrum-Hamburg-Vergleich. Ich werde älter und brauche mehr Medizinisches; da sind die Verfügbarkeiten in Hamburg einfach um Längen besser.

Und dann kam die vergangene Woche. Mittwoch bis Sonntag, mit Anne und Selma, zurück auf Amrum. Anne war ja während meiner Zeit auf der Insel oft tagelang bei mir. Norddorf ist für uns beide ein zuhausiger Ort geworden, an dem wir uns so richtig wohlfühlen. Dieses Mal war ein kleines Menschlein dabei, das mir zeigte, wie die eigentliche Antwort auf meine Sehnsucht lautet, die ich so noch nicht benennen konnte.

Selma, meine kleine Enkelin, hat jetzt noch eine weitere Komponente des Entschleunigens hinzugefügt: Während Anne und ich gern Strecke machen wollten, auch um alles Mögliche abzuklappern, was wir gern sehen, streikte Selma. War schlecht gelaunt, wenn sie lange im Buggy sitzen musste, wollte selbst erleben. Und so war bei drei ganzen Urlaubstagen der letzte am schönsten:

Eigentlich wollten wir von Norden nach Süden laufen, einkehren, alles Mögliche. Und dann gingen wir in Norddorf am Strandübergang Richtung Meer, ausgestattet mit einem kleinen Eimer und einem Minidrachen. Und Selma rastete aus! Sie hatte so viel Freude am Sandbuddeln, lief los, fiel um, stand wieder auf – bestimmt fünfzigmal. Juchzend, freudig, begeistert!

Die Enkelin der Autorin steht unternehmungslustig im Sand und überlegt, was sie als nächstes tun will.
Auf geht’s in die Weite!

Dann zogen wir ihr die lange Hose aus, damit sie mit den Füßen ins Wasser konnte. Ich ging vor, Selma sah mich am Wasser – und rannte! So voller Lebensfreude und Neugier! Das Foto, auf dem ich diesen Ausdruck einfangen konnte, strahlt so viel aus, dass mir jedes Mal beim Betrachten die Tränen kommen.

Irgendwann, nach viel Wassergepatsche, gingen wir ein Stück Richtung Nordspitze. Mal ausprobieren, was der neue Dreirad-Buggy mit den großen Luftreifen so kann. Und ja, es war teils beschwerlich, doch irgendwann waren wir so weit, dass die Rückkehr anstrengender gewesen wäre als weiterzugehen. Wir umrundeten die Nordspitze, was eine Wanderung von ungefähr zehn Kilometern ist, waren verschwitzt, k.o. und seltsam energetisiert. Die Luft, die Schönheit der Landschaft, die Sonne, das wilde Wasser im Westen und der glasklare Wasserspiegel mit seinen Brutinseln im Osten – es war magisch!

Auf der Wattseite der Nordspitze sind Brutinseln. Hier ist eine davon zu sehen, mit wogendem Gras und vielen Vögeln, die dazwischen verborgen sind.
Eine Brutinsel auf der Wattseite der Nordspitze

Und dann waren da die Gesichter, die ich kannte, aus der Zeit, als ich dort gearbeitet und gelebt habe. Mit vielen habe ich bei der Arbeit, im kleinen Supermarkt, im Bus geplaudert. Jetzt guckten sie fremd, grüßten allenfalls zögerlich und mit fragenden Gesichtern, meist aber gar nicht. Ich war nicht mehr die, die vielleicht irgendwann dazugehören würde. Ich war jetzt eine der vielen optimistisch Angereisten, die versuchen, dort zu leben, ihre Erfahrungen sammeln, und wieder heimgehen aufs Festland. Eine in dem langen Schwarm von Gesichtern, die von den Insulandern wieder vergessen werden, weil es so viele sind. Der Verstand versteht, das Herz rauht ein wenig auf.

Eine Fähre verlässt die Insel. Sie ist am Horizont zu sehen, davor glasklares Wasser, in dem sich Vögel spiegeln, die gerade darüber fliegen

Auf dieser Wanderung habe ich nichts gefunden, was ich von nun an jeden Tag so haben werde. In Hamburg warten Termine: Ärzte, Behandler, Kieser – und meine Mutter, zu der ich fahre, so oft ich kann. Aber für ein paar Stunden war ich wieder absichtslos unterwegs – nicht weil ich es mir vorgenommen hatte, sondern weil ein einjähriges, fröhliches kleines Mädchen mit einem Eimer und nassen Füßen mir gezeigt hat, wie das geht.

Vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis: Ich muss die Freiheit nicht auf einer Insel suchen. Manchmal reicht ein Kind, das mir mit seiner Neugierde, seinem großen Vertrauen in die Welt und seiner Bewegungslust zeigt, wie es einfach macht, was ihm gerade einfällt.

Die Freiheit kann ich mir auch nehmen. Nicht jeden Tag, nicht überall. Mein Alltag in Hamburg wird weiter aus Terminen bestehen, aus Wegen mit Ziel, aus Verantwortung für mich und die Menschen, die ich liebe. Das wird sich nicht ändern, und das ist auch okay so.

Vielleicht geht es auch nicht darum, das eine gegen das andere zu tauschen – die Insel gegen Hamburg, die Absichtslosigkeit gegen die Termine. Vielleicht geht es darum, mir die paar Minuten dazwischen zu erlauben. Früher zu einem Termin loszugehen, um auf dem Weg einen Podcast in Ruhe zu hören, schöne Entdeckungen zu fotografieren, einen Kaffee mit Aussicht zu genießen. Amrum war ein Jahr lang mein Sehnsuchtsort. Vielleicht kann ich das, was es besonders ausmacht, in Teilen in meinen Alltag übernehmen: eine Erinnerung daran, wie es sich anfühlt – überall verfügbar, auch ohne Fähre.

Eine Tasse Cappuccino auf einem verwitterten Holztisch, der zu einem Café an der Elbe gehört.
VIP-Moment an der Elbe

Schafe brauchen keine Insel für ihre Freiheit. Sie tragen sie in sich, wo immer sie stehen. Darin will ich mich auch wieder üben. Und mir immer wieder kleine innere Inseln schaffen.

Ein kleines schwarzes Lamm im Gras
Ein bisschen Schaf darf sein

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