11 Dinge, die ich als selbstständiger systemischer Coach schwierig finde

Meine Arbeit ist sehr beglückend…

Vorab gesagt: ich liebe meine Arbeit wie verrückt und noch mehr, weil ich mich erst so spät getraut habe, nicht mehr nur kostenlos an weitläufigen Bekannten zu üben. Es ist für mich überaus erfüllend, Menschen auf dem Weg in Autonomie, Mut, Selbstliebe zu begleiten.

…bis auf ein paar Punkte, die ich schwierig finde:

1. „Du hast das doch gelernt, da kannst du doch eigentlich…“

Anfragen aus dem privaten Umfeld sind keine Seltenheit. Einerseits verständlich, andererseits gilt auch für mich das oberste Coaching-Gebot

Coache nicht im eigenen System

Selbstverständlich passiert es gelegentlich, dass ich – Berufskrankheit eben – im familiären Bereich oder unter Freunden „coachische“ Fragen stelle, das ist nur natürlich. Eine Mediation unter Familienmitgliedern aber, die sich im Konflikt verhakt haben und sich ohne Hilfe schlecht verständigen können, oder ein Coaching für Freunde oder Kollegen, das wäre unseriös. Ich bin befangen und kann Menschen, die ich nah kenne, nicht professionell unterstützen.

2. „Wir kennen uns doch schon so lange, und meine Freundin hat gerade einen finanziellen Engpass…“

Nicht schön für die Freundin. Aus der Frage könnte ich fast zwei Punkte machen, denn a) darf die Freundin mich gern selbst fragen, und b) finde ich es nicht selbstverständlich, dass ich, nur weil ich die Fragende kenne, einen Sonderpreis aufrufe. Für sie eher als für die Freundin. Schwieriges Abgrenzungsthema, aber wichtig. Ich habe meine Erfahrung, viel investierte Zeit und Mühe, meine Ausbildungen und Trainings, Zusatzseminare, meine Expertise, alles ergänzt den Wert meiner Leistungen. Kostenlose oder stark preisreduzierte Angebote werden nach meiner Erfahrung auch als nicht so wertvoll wahrgenommen.

Was keinen Preis hat, hat auch keinen Wert

Quelle (mir) unbekannt

3. Denken aus dem Portemonnaie meiner Kundinnen

Das Zitat oben passt auch für diesen Punkt. Ich habe Preise für meine Leistungen festgesetzt und bin vollkommen überzeugt davon, dass diese gerechtfertigt sind. Dann sitzt mir eine Neukundin gegenüber oder fragt am Telefon, ihre Stimme bebt ein wenig bei der Frage nach dem Preis für ein Coaching, und ehe ich es festhalten kann, ist es raus: ich nenne eine Summe, die zwanzig Euro unter dem liegt, was ich veranschlagt habe. An der Geschwindigkeit der Zustimmung merke ich dann, dass ich auch deutlich höher hätte gehen können, aber dann geht es nicht mehr.

4. Meine Kundin erwartet Tipps oder will ihr Problem behalten

Manche Kundin hat eine eigene Vorstellung vom Coaching oder ist eine sogenannte Besucherin, die ihr Anliegen nicht klar schildert und auf Vorschläge von mir wartet. Am liebsten möchte sie mich als lebende Ratgeberseite sehen, die ihr ein paar Tipps gibt, damit sie weiß, was sie ihrem Gegenüber sagen, wie sie eine Situation ohne eigene Initiative ändern, im Idealfall wie sie eine Person dazu bewegen kann, sich anders zu verhalten. Das alles gern, ohne sich selbst und ihre Gedanken, ihr Verhalten, ihre Wünsche zu reflektieren. Was immer ich vorschlage, wäre bei jedem andern möglich, aber ihr Problem ist zu speziell, da geht das nicht. Daraus kann kein Coaching werde. Diese Kundin und ich werden nicht sinnvoll zusammenarbeiten, und ich verabschiede sie.

5. Zu viele Kommunikationsmöglichkeiten

Coaching in meinem Raum, Walk’n’Talk in Person oder per Handy, als Audio- oder Video-Call, Coaching von zuhause per Telefon oder per Zoom – das ist fast so ein Menü wie die Kaffeeauswahl in der Systemgastronomie. Die Pandemie hat ein 1:1-Coaching in meinem Raum zumindest sehr erschwert, deswegen fand auch keines statt. In der Zeit der Lockdowns habe ich Telefoncoachings angeboten, aber festgestellt, das mag ich gar nicht. Ich brauche Gesichter, ich möchte Mimik deuten. Fazit: Telefoncoaching passt nicht zu mir, allenfalls als Ausnahme in einem ansonsten anders laufenden Prozess. Mache ich nicht mehr, dürfen andere anbieten.

6. Ich arbeite zu gut 😉

Nach einem kurzen Vorgespräch und der Terminfindung sitzt meine Kundin vor mir. Wir entwickeln recht zügig einen stimmigen Coachingauftrag, arbeiten eine Sitzung lang konzentriert und intensiv miteinander – und das Problem ist weg! Schön für die Coachee, ungünstig für mich, die ich mich auf ein paar mehr Stunden eingestellt und meinen Terminkalender darauf vorbereitet hatte. Das ist für mich nicht sehr lukrativ, und es ist vielleicht nicht sofort eine Nachfolgerin da. Aber es kann immer wieder passieren, ist ja nicht die Regel.

7. Ich habe meinen Coachingraum genau vor den Corona-Einschränkungen gemietet

Die Pandemiedauer und -auswirkungen waren nicht absehbar, als ich eine Freundin fragte, ob in ihrer Gemeinschaftspraxis ein Raum zunächst in Teilzeit zu mieten sei. Zufällig hatten sie und ihre Praxismitbewohnerinnen gerade beschlossen, einen Raum für freitags zu vermieten. Die Lage der Praxis und die Behaglichkeit des Raums sind kaum zu übertreffen, da musste ich zuschlagen. Ich nehme an, dass der zunehmende Impfgrad und die Bereitschaft der Menschen, aus ihrer coronabedingten Lähmung herauszukommen, mir bald wieder die Miete einspielen. Ich bin insgesamt zuversichtlich.

8. Social Media-Werbung fällt mir noch schwer

Facebook, Instagram, Pinterest (das, wie ich jetzt weiß, eine visuelle Suchmaschine ist und nicht zu den Social Media gehört) wollen bespielt werden, und das regelmäßig. Wenn ich aussetze, sinken die Klicks, und ich muss wieder aufbauen. Teilweise macht mir das Spaß, aber es ist sehr viel Arbeit. Ich bin in dem Bereich noch neu, so dass es für mich verhältnismäßig lange dauert, bis ich zufriedenstellende Bilder habe und Beiträge teile. Manchmal frage ich mich auch, ob mir der ganze Rummel etwas bringt und mag nicht mehr, aber das wird sich ausbalancieren.

9. Buchhaltung und Steuern sind mir ein Graus – denke ich

Die Geldverwaltung ist ein spannendes, aber auch herausforderndes Thema, das mir großen Respekt abverlangt. Buchhaltung finde ich im Grunde ganz wunderbar, weil alles so schön klar ist. Schwarz oder Weiß, Ja oder Nein, es gibt kein Vielleicht. Aber es ist anders, ob ich im BWL-Studium lustige Buchungssätze hatte oder ob es um mein eigenes Geschäft, meine Existenz und auch um meine finanzielle Zukunft geht. Da bin ich fast befangen. Auf jeden Fall weiß ich, dass ich diesen Aufgabenbereich sehr bald abgeben werde, schon allein aus Zeitgründen.

10. Tagesstrukturierung und Selbstmanagement – nach -zig Jahren in Studium und Beruf immer noch ein Thema

Die längste Zeit meines Erwachsenenlebens war fremdstrukturiert: in angestellten Tätigkeiten, im Studium durch Vorlesungen, Arbeitsgruppen und Studentenjobs. Damit waren meine Aufgaben überwiegend zu vorgegebenen Terminen zu erledigen. Die Selbstständigkeit lässt so viel ungewohnte Freiheit, dass ich am Anfang nicht immer damit zurecht kam. Mittlerweile plane ich meine Wochen besser und fühle mich wohler damit. Was ich noch nicht in meinen Plänen habe, sind Zeitfenster, in denen ich mir bewusst Gutes tue wie Sport, Entspannung, Lesen (nicht nur von Fachbüchern), Freunde treffen; das steht auf meiner ToDo-Liste.

11. All by myself

So wie ich meine Zeit allein strukturieren darf, habe ich auch die Alleinherrschaft über meine Gedanken und Fragen, das ist manchmal hart. Keine Kollegen, die ich kurz fragen kann, und sei es nur, um meine Gedanken auszusprechen, damit ich sie selbst höre. Zum Glück bin ich mittlerweile gut vernetzt, bin in zwei wunderbar unterstützenden MasterMindGruppen. Und in der Content Society, in der das gesellschaftliche Leben deutlich übers Bloggen hinausgeht, habe ich die Möglichkeit, mich auszutauschen, weil dort auch Berufskollegen mit mir zusammen ihren Businessblog und ihre Website aufbauen.

Die ganze Bürokratie erledige ich auch in Eigenregie. Wo ich vorher vom Arbeitgeber bei der Sozialversicherung angemeldet wurde, muss ich mich selbst kümmern. Ich melde mein Gewerbe an, brauche mehrere Konten, hebe Belege auf und so weiter. Ich brauche viel Rechtliches, um mein Business abzusichern und Datenmissbrauch zumindest von meiner Seite auszuschließen. Meine Website braucht Pflege, will wachsen und in Suchmaschinen gefunden werden. Mein Angebot soll meine Kundinnen anziehen. Und so geht es weiter.

Abschließend betrachtet…

…kann ich sagen, was an der Selbstständigkeit als Coach unschön ist, sind überwiegend Anlaufschwierigkeiten. Es ist viel Ungewohntes, viel schönes Neues, aber es ist auch anstrengend. Soll und darf es sein. Viele von den Anfangsherausforderungen gehen mir bald leicht von der Hand. Eine Website mit WordPress gestalten – easy, Tiger! Karussellpostings bei Instagram – habe ich schon früher gemacht, wusste nur nicht, dass die so heißen. Anmeldungen hier und da sind einmal nötig, danach werden sie nur noch sortiert und gelegentlich überprüft. Den Arbeitsplatz im Haus zu finden, an dem ich Ruhe und Muße habe – das wird ein gesonderter Artikel.

2 Kommentare

  1. Liebe Silke, insbesondere mit den Punkten 2. und 3. schreibst Du mir aus der Seele! Und wahrscheinlich nicht nur mit, sondern einer Menge anderer Frauen, die eine Beratung oder eine Dienstleistung anbieten.

    Und was Social Media betrifft… Hapüh! Auch da habe ich beim Lesen Deiner Gedanken mehr als nur einmal genickt.

    Danke für das Teilen & liebe Grüße,

    Sabine

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